Veröffentlicht am: 2. Dezember 2019 Autor: Dr. med. John van Limburg Stirum, Vizepräsident SSAAMP
Es muss einfach mal gesagt werden, eine gute Medizin ist nicht rein wissenschaftliche. Gott sei Dank!
Die Aufgabe der Wissenschaft ist Wissen zu schaffen. Wissen ist aber alles andere als Verstehen. Verständnis bedeutet vernetztes Denken und nicht wie in der Wissenschaft die Reduktion auf Einzelteile. Wer rein wissenschaftlich denkt und handelt – so würde man meinen – handelt korrekt. Was ist aber korrekt? Korrekt ist wahr. Und die Wahrheit hält definitionsgemäss ewig. Wieso ist ein allbekannter Spruch bei den Wissenschaftlern: «Die wissenschaftlichen Aussage von heute ist der Irrtum von morgen»…? Wollen wir unsere Patienten mit dem Irrtum vom morgen behandeln? Als Mediziner, der bald 40 Jahre Medizingeschichte miterlebt hat, kann ich dies nur bestätigen. Wie viele wissenschaftliche Medikamente wurden als «Durchbruch» gefeiert und jetzt…? Vom Markt entfernt worden. Entweder mangels Wirksamkeit oder wegen den vielen und zum Teil tödlichen Nebenwirkungen. Hauptsache: Wissenschaftlich.
Quantität ist messbar und deshalb das einzige «wissenschaftliche». Qualität ist nicht messbar, nicht wissenschaftlich und deshalb in den Medien häufig zitiert als «zweifelhaft», «pseudowissenschaftlich» oder gar «dubiös». Dies ist Missinformation auf höchstem Niveau und aus meiner Sicht unverantwortlich. Wir dürfen uns niemals von solchen Äusserungen leiten lassen und dadurch vom qualitativen Weg in der Medizin abbringen lassen.
Veröffentlicht am: 16. Oktober 2019 Autor: Dr. med. Simon Feldhaus, Präsident SSAAMP
Linus Pauling definierte die orthomolekulare Medizin als Erhaltung einer guten Gesundheit und Behandlung
von Krankheiten durch Veränderung der Konzentration von Substanzen im
menschlichen Körper, die normalerweise im Körper vorhanden und für die
Gesundheit erforderlich sind.
So einfach diese
Definition erscheint, so komplexer stellt sich das Umsetzen im Alltag dar. Je
nach Indikation muss die Dosierung der verwendeten Substanzen anders gewählt
werden: Zur Prävention reicht in der Regel eine geringe Menge der
Mikronährstoffe aus, um die Gesundheit zu erhalten. Bei leichten Krankheiten
oder Beschwerden werden höhere Dosierungen benötigt, um wieder gesund zu werden.
Bei schwersten Krankheiten sind dann hohe Dosierungen vor allem
indikationsbezogen einzelner Substanzen notwendig um einen therapeutischen
Effekt zu erzielen. Ein gutes Beispiel hierfür sind die deutlich
unterschiedlichen Dosierungen von Zink, Selen oder Vitamin D im Bereich
Prävention und Behandlung:
Ein akuter viraler Infekt benötigt
beispielsweise kurzfristige Tagesdosierungen von Zink im Bereich 60-90 mg (für
3-4 Tage), während für den präventiven Einsatz 10-20mg ausreichen. Selen in
Form von Natrium-Selenit wird im Bereich der Onkologie mit bis zu 500ug täglich
eingesetzt, während die präventive Dosierung bei 50ug liegt. Vitamin D kann bei
Autoimmunerkrankungen mit 3000 -5000 IE dosiert werden, wohingegen eine
präventive Dosierung bei ca 1000 IE liegt.
Somit brauchen
unterschiedliche Krankheiten unterschiedliche Mikronährstoffe und
unterschiedliche Dosierungen. Zudem ist bei jedem Menschen ein individuelles
biochemisches Profil vorhanden, welches zuerst durch eine Labordiagnostik
bestimmt werden sollte.
Es gibt
zahlreiche Kombinationspräparate auf dem Markt, die nicht zuletzt aufgrund
gesetzlicher Bestimmungen für die Therapie von Krankheiten in wesentlichen
Bereichen zu niedrig dosiert sind.
Das
Therapieprinzip der orthomolekularen Medizin beruht auf der Tatsache, dass der
menschliche Körper für ein gesundes, reibungsloses Funktionieren aller Organe eine
ausreichende Menge von Vitaminen, Aminosäuren, Mineralstoffen, Spurenelementen
und essentiellen Fettsäuren benötigt. Doch genau dieser Zustand ist in der
heutigen Zeit nicht mehr selbstverständlich. Dies liegt unter anderem darin
begründet, dass unsere Lebensmittel aufgrund von unnatürlichen
Anbaubedingungen, Überzüchtung, Transport, Lagerung und Zubereitung nur noch
einen Bruchteil der ursprünglich vorhandenen Stoffe enthalten. Aber auch die
Ernährungsgewohnheiten tragen zu solchen Mängeln bei, so beschreibt der
Ernährungsbericht des BLV die Tatsache, dass eine ausgewogene Ernährung in der
Schweiz nicht mehr stattfindet.
Andererseits
kommt es beispielsweise durch Interaktionen von Medikamenten mit dem
Mikronährstoffhaushalt, Belastungen mit toxischen Metallen, chronischen Stress,
Rauchen oder Resorptionsstörungen zu negativen Beeinflussungen der
Mikronährstoffkonzentrationen im Körper.
Jeder Mensch ist
anders und hat sein eigenes biochemisches Profil, daher macht es Sinn auch die
orthomolekulare Behandlung individuell zu gestalten.
Sowohl die
Auswahl der verwendeten Mikronährstoffe als auch vor allem die Dosierung
derselben muss an diese Situation angepasst werden. Dies kann entweder durch Verwendung
von Einzelsubstanzen geschehen oder noch besser durch eine auf individuelle
Rezeptur hergestellte Mischung in Form eines Granulates. Hier ist das
Burgerstein Microcare System optimal geeignet da es genau diese
Individualisierung der Zusammenstellung und der Dosierung erlaubt. Das
Expertensystem unterstützt den Verordner und bietet eine Reihe vorbestimmter
Rezepturen die dann auf den Einzelfall angepasst werden können. Durch die
spezielle Galenik ist sichergestellt, dass keine Interaktionen der verwendeten
Mikronährstoffe untereinander auftreten.
Zusammenfassend
ist die moderne orthomolekulare Medizin ein auf den individuellen Fall
angepasstes Therapiesystem. Idealerweise erfolgt eine Zusammenstellung der
notwendigen Mikronährstoffe nach einer Labordiagnostik und anhand der Diagnosen
sowie allfällig eingenommener Medikamente.
Somit ist diese
Form der orthomolekularen Medizin an Fachleute mit entsprechender Ausbildung
gebunden, es gilt auch Interaktionen und andere Auswirkungen der
Mikronährstoffe zu beachten.
Abzulehnen ist
die langfristige, allenfalls hochdosierte Gabe von Mikronährstoffen ohne
Laborkontrolle da hier keine seriösen Aussagen über Wirkungen und Interaktionen
gemacht werden können.
Literatur:
Cochrane Database Syst Rev. 2013 Jun 18;6:CD001364. doi: 10.1002/14651858.CD001364.pub4.
Zinc for the common cold
Uwe Gröber, Joachim Schmidt
& Klaus Kisters (2018): Important drug-
micronutrient interactions: A selection for clinical practice, Critical
Reviews in Food Science and
Veröffentlicht am: 26. August 2019 Autorin: Prof. Dr. med. Petra Stute, Stv. Chefärztin und Leitende Ärztin; Abt. für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin; Universitätsklinik für Frauenheilkunde Inselspital Bern
Einleitung
Die
Hypothese ist, dass Bioidentische Hormone (BIH) besonders gut wirksam und
verträglich seien, da sie identisch mit den vom Körper produzierten Hormonen
sind. Ihre Anwendung sei mit keinerlei Risiken verbunden. Wahrheit oder nur
gutes Marketing?
Definition Bioidentische Hormone
Unter
BIH versteht man aus Pflanzen hergestellte Hormone, die chemisch ähnlich oder
strukturell identisch mit den vom menschlichen Körper produzierten Hormonen
sind. Die Betonung liegt hierbei auf „strukturell identisch“ und nicht auf der
„pflanzlichen“ Quelle, denn viele nicht-bioidentische Hormone (z.B. Ethinylestradiol, Medroxyprogesteronazetat, Methyltestosteron)
werden ebenso aus Pflanzen (Yams, Soja) gewonnen [1].
In die Kategorie der BIH fallen sowohl behördlich (FDA, EMA, Swissmedic etc.)
regulierte hormonelle Arzneimittel als auch Hormonpräparate, die basierend auf
einer vom Arzt ausgestellten individuellen Rezeptur (engl. compounded preparation) von entsprechenden Apotheken (engl. compounding pharmacy) hergestellt
werden. Zu den behördlich regulierten BIH im Kontext der Hormonersatztherapie
zählen in der Schweiz z.B. mikronisiertes Progesteron (P), 17beta-Östradiol
(E2) und Östriol (E3). Auch BIH müssen synthetisiert werden, d.h. die Wirkung
ist nicht zu erzielen, indem man beispielsweise die Pflanzen direkt zu sich
nimmt.
Historie
Eine
Folge der Women’s Health Initiative war, dass die in der Studie eingesetzten,
nicht-bioidentischen Hormone für „schuldig“ an den Negativergebnissen erklärt
wurden. Als bessere Alternative wurden BIH propagiert, von denen es zu diesem
Zeitpunkt – anders als in Europa – in den USA wenige von der FDA zugelassene
Präparate gab. Günstig zeigte sich zudem die Gesetzeslage: Mit dem Argument,
dass Hormone auf natürlicher Basis in die Kategorie der Pflanzen/Kräuter (engl. herbs) fallen, werden über die
Haut zugeführte Hormone gemäss des Dietary Supplement Health and Education Act
(1994) den Nahrungsergänzungspräparaten (engl.
supplements) zugeordnet und sind somit von den Auflagen der FDA (Nachweis von
Wirksamkeit und Sicherheit) befreit. Diese Befreiung vom Zuständigkeitsbereich
der FDA beinhaltet ausserdem, dass z.B. im Beipackzettel keine
Kontraindikationen und oder Warnungen („black box warning“) genannt werden
müssen. Das ist einer der Gründe für die Propagierung der transdermalen
Applikation von BIH. Die Problematik der BIH Therapie liegt also nicht in ihren
Inhaltsstoffen, sondern in der individuellen Hormonrezeptur. Da die
Hormongemische individuell in Apotheken hergestellt werden, liegen keine
Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit vor. Die FDA und die Endocrine Society
ordnen daher den Begriff „Bioidentische Hormontherapie“ dem Marketing zu und
nicht einer auf wissenschaftlicher Evidenz basierten Therapieform [2].
Bioidentische Hormone – Wirksamkeit und Endometriumsicherheit
Ohne
Zweifel ist die Gabe von bioidentischen Östrogenen effektiv in der Therapie von
Wechseljahresbeschwerden. Alle von der Swissmedic zugelassenen
Östrogenpräparate enthalten bioidentische Östrogene. Kritisch ist die Frage der
Endometriumsicherheit bei der Kombination von Östrogen mit P.
Bei
Frauen mit intaktem Uterus ist im Rahmen einer systemischen HRT mit Östrogenen
die Gabe eines Gestagens zur Endometriumprotektion indiziert [3].
In
diesem Kontext ist P in der Schweiz wie folgt zugelassen: Bei Kombination mit
einem Östrogen beträgt die Tagesdosis im Allgemeinen 1 Kapsel Utrogestanâ 200 mg vor dem Schlafengehen
während 12 bis 14 Tagen des Zyklus. Es stellt sich die Frage, inwiefern vaginal
oder transdermal verabreichtes P ebenfalls zur Endometriumprotektion genügt. Während
es für die vaginale P Applikation einige Studien zur Endometriumsicherheit i.R.
einer systemischen Östrogentherapie gibt (off label use!), konnte bisher für
die transdermale P Gabe kein (!) Endometriumschutz gezeigt werden. Eine
Kombination von Östrogen mit transdermalem P ist also bei Frauen mit Uterus
obsolet! [4]
Fazit für die Praxis
Die
Studien- und Zulassungssituation für systemisch wirksame BIH lässt sich wie
folgt zusammenfassen (Tabelle 1):
BIH
Wirksamkeitsnachweis
in RCT
Swissmedic
Zulassung
Estradiol
(oral, transdermal)
✔
✔
Estriol
(oral)
keine
RCT ( ✔ )
✔
Progesteron
(oral)
nur
1 RCT ( ✔ )
–
Progesteron
(transdermal)
–
–
BIH
Sicherheitsnachweis
in RCT
Swissmedic
Zulassung
Progesteron
(oral)
✔
✔
Progesteron
(vaginal)
(
✔ )
–
Progesteron
(transdermal)
–
–
Tabelle
1: Wirksamkeit, Sicherheit und Zulassungssituation von BIH. Abkürzungen: BIH =
Bioidentische Hormone, RCT = randomisiert-kontrollierte Studie,
Basierend
auf Anamnese und Symptomen sollten mögliche Therapieoptionen bei menopausalen
Beschwerden dargelegt werden (Alternativ- und Komplementärmedizin,
nicht-hormonale Pharmakotherapie, verschiedene Hormonersatztherapien). Wenn eine Frau die
Verwendung von systemisch wirksamen Bioidentischen Hormonen wünscht, dann
sollte primär ein von der Swissmedic zugelassenes Präparat gewählt werden (orales
mikronisiertes Progesteron, orales/transdermales 17beta-Östradiol, orales
Östriol). Wenn
eine Unverträglichkeit gegenüber zugelassenen Präparaten besteht oder nicht
alle Symptome durch von der Swissmedic zugelassene Präparate behandelt werden
können, dann kann eine individuelle Rezeptur weiterhelfen. Es muss jedoch dann
darauf hingewiesen werden, dass keine Sicherheitsdaten für das individuelle
Produkt vorliegen.
Referenzen
[1] M. Cirigliano, Bioidentical hormone therapy: a review of the evidence, J Womens Health (Larchmt) 16(5) (2007) 600-31.
[2] M.S. Rosenthal, The Wiley Protocol: an analysis of ethical issues, Menopause 15(5) (2008) 1014-22.
[3] T.J. de Villiers, A. Pines, N. Panay, M. Gambacciani, D.F. Archer, R.J. Baber, S.R. Davis, A.A. Gompel, V.W. Henderson, R. Langer, R.A. Lobo, G. Plu-Bureau, D.W. Sturdee, S. International Menopause, Updated 2013 International Menopause Society recommendations on menopausal hormone therapy and preventive strategies for midlife health, Climacteric 16(3) (2013) 316-37.
[4] P. Stute, J. Neulen, L. Wildt, The impact of micronized progesterone on the endometrium: a systematic review, Climacteric 19(4) (2016) 316-328.
Veröffentlicht am: 5. August 2019 Autor: Prof.DDr.med.Dr.habil. Claus Muss
Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Im Darm sitzt der Tod“. In der Präventionsmedizin formulieren positiver: Im Darm sitzt die Gesundheit oder der Darm ist der wichtigste Ort der integrativen Prävention.
Tatsächlich ist der Verdauungskanal bekannterweise
nicht nur mit der Aufnahme lebenswichtiger Nährstoffe betraut, sondern stellt
die ganz entscheidende Regulationsfläche des Neven- und Stoffwechsels dar. Nach
den Ergebnissen zahlreicher Studien können wir davon ausgehen, dass der Darm
die gemeinsame Endstrecke wichtiger Abläufe für die Gesunderhaltung des Körpers
darstellt. Im Darm findet eine enge
Wechselbeziehung zwischen In- und Außenwelt statt. Das zahlenmäßig alle
Körperzellen des Menschen um ein zehnfaches übertreffende intestinale Mikrobiom
im Darm steht mit der Darmschleimhaut in enger Wechselbeziehung und reguliert über
zahlreiche Abläufe die Homöostase im
Neuroendokrinum.
Darm-Hirnachse
Um die mögliche
Interaktion zwischen dem Mikrobiom und dem Gehirn nachzuweisen, wurde an der
medizinischen Fakultät der Universität Kalifornien eine interessante Studie
durchgeführt. Hierbei wurde das fäkale Mikrobiom von Studienteilnehmerinnen (N=
40) untersucht und zudem eine funktionelle Magnetresonanztomographie (MRT) des
Gehirns durchgeführt. Dies geschah während die Teilnehmerinnen Bilder ansahen,
die negative, neutrale oder positive Emotionen auslösen. Das Ergebnis: Die meisten
Frauen hatten einen Überschuss der Bacteroides (n = 33) und bei sieben
Frauen dominierte dagegen die Gattung Prevotella die Darmflora. Das MRT zeigte zudem
bei den Testpersonen Unterschiede zwischen den beiden Gruppen in der Hippocampus
Region (Region für Erinnerungen, Belohnungen und Stress). In der Bacteroides-Gruppe
war diese Region größer angelegt als bei den Frauen mit der Prevotella dominanten
Darmflora. Zudem wurde im MRT der Bacteroides-Gruppe eine dickere Schicht der
grauen Hirnsubstanz im Frontalcortex und in der Inselrinde beobachtet,
die für subjektive emotionale Erfahrung und bewusste Gefühle eine
entscheidende Rolle spielen. Beeinflusst also die Zusammensetzung der Darmflora
unsere Emotionen oder umgekehrt? (Autoren: Kirsten Tillisch von der David
Geffen Publiziert in Psychosomatic Medicine: Journal of Behavioral Medicine). Letztendlich
lässt sich dies noch nicht mit Bestimmtheit sagen, aber es liegen inzwischen
zahlreiche u.a. auch tierexperimentelle Untersuchungen vor, die auf eine enge
Interaktion zwischen Gehirn und Darmflora hinweisen. So wird u.a. angenommen, dass die intestinale
Darmschleimhaut einen erheblichen Einfluss auf die Aufnahme und Bildung des Neurotransmitters
Serotonin haben kann. Serotonin wird häufig im Zusammenhang mit dem Glücksgefühl
beschrieben. Mögliche Wechselbeziehung zwischen
der intestinalen Darmschleimhaut und dem Serotoninsystem sowie dem Kynurenin-Tryptophan
Stoffwechsel sind derzeit Gegenstand der Untersuchungen von Diplomanden am
internationalen M.Sc. Lehrgang des Gesundheits Campus.
Darm- Stoffwechsel
Der Einfluss des Mikrobioms auf das
Stoffwechselsystem deutete sich bereits in zahlreichen tierexperimentellen
Untersuchungen an. So wurde in einer Untersuchung bei Mäusen z.B. ‚Lactobacillus
plantarum zugeführt, während eine Kontrollgruppe ohne jegliche Bakterienzufuhr
verblieb. Bereits nach sechs Wochen
zeigte sich eine veränderte Körperkomposition der Versuchstiere in der L. plantarum Gruppe. Ihr Fettanteil sank, ihre
Muskelmasse nahm zu. Zusätzlich waren sie in der Lage, länger in einem
forcierten Schwimmtest durchzuhalten und hatten darüber hinaus eine höhere
Griffkraft. Ein zusätzlicher Bluttest ergab verringerte Werte an Laktat,
Ammonium und Kreatinkinase. In Humanstudien konnte dann später auch der
Einfluss von Bakterien auf die Resorption wichtiger Aminosäuren zusätzlich nachgewiesen
werden.
In weiteren Humanstudien mehren sich in letzter Zeit
über das Tiermodel hinaus die Hinweise auf eine Interaktion zwischen
Darmgesundheit und Stoffwechsel. Insbesondere
durch Zufuhr von Bacillus Koagulats‘ konnte beispielsweise die
Absorbierungsrate, bestimmter wichtiger Aminosäuren wie z.B. Leucin um 23 %,
Isoleucin um 20 % ,Valin um 7 %, Glutamin um 116 % deutlich erhöht werden.
Sogar bei Eiweiß aus eher schwer verdaulicher pflanzlicher Quelle hatte dieser
Keim einen positiven Einfluss zu haben. Obendrein wurde eine signifikante
Verbesserung der Regeneration nach dem Training festgestellt, was
möglicherweise durch die zusätzlichen Aminosäuren zu erklären ist.
Darm- Immunsystem
Auch das Immunsystem wird bekannterweise entscheidend
an der Darmschleimhaut beeinflusst, wobei in erster Linie die Primärantwort an
der Darmschleimhaut stimuliert wird. Im Mittelpunkt dieser Aufgabe stehen
Immunrezeptormoleküle, die als Mustererkennungsrezeptoren (PRRs) bezeichnet
werden. Sie erfassen Pathogen-assoziierte molekulare Muster (PAMPs)
verschiedener exponierter Pathogener Strukturen Die Oberflächen Marker
Strukturen (TLR-spezifische PAMP) initiieren stromabwärts Signale über den
myeloiden Differenzierungsfaktor 88 (MyD88) und über einen alternativen
„MyD88-unabhängig“ Weg. Beide Wege führen zur Aktivierung von NF-kB
und anderen angeborenen Immunantworten, der Herstellung von Zytokinen und
Chemokinen, und schließlich zur Rekrutierung der adaptiven Immun Antwort.
In diesem Sinne kann die Darmschleimhaut zu einem
wichtigen immunologischen Phänomen beitragen, dass im englischen „Silent
Inflammation“ bezeichnet wird und eine chronisch aktivierte Entzündung beschreibt.
Silent inflammation wird bei zahlreichen Immunproblemen (Autoimmunerkrankungen,
Neurodegenerative Erkrankungen wie MS. ALS und Morbus Alzheimer) beobachtet und
wird auch als Erklärung für die Entstehung multipler Nahrungsmittelallergien
und Unverträglichkeiten angesehen.
Wie häufig tritt das Leaky Gut auf?
Hierzu können wir Angaben aus der eignen Praxis
gemacht werden. Wir sehen das Leaky gut bis zu 70-80% (!) in unserem
Patientenkollektiv. Auf die Möglichkeit
einer zuverlässigen Diagnosestellung dieses wichtigen Problems wird später noch
eingegangen.
Pathomechanismus des Leaky Guts-
Eigne Überlegungen dazu
Wie kommt es nun zur chronisch Immunaktivierung der Darmschleimhaut? Es handelt sich ja um eine erhöhte Permeabilität an der Darmschleimhaut (Leaky Gut). Im Zentrum der Leaky Gut Forschung stehen die leistenförmigen Kontaktzonen in der Zona occludens die eine Diffusionsbarriere in der Darmschleimhaut darstellen, die den parazellulären Transport von Molekülen über das Epithel kontrolliert. Beim „Leaky Gut“ sind diese Schutzsysteme der Darmschleimhaut in unterschiedlichem Ausmaß beschädigt. Gewährleistet wird die sogenannte intestinale (darmeigene) Barrierefunktion durch eine zusammenhängende Zellschicht, die den Raum zwischen den Epithelzellen mit ihren engen Verbindungen regelrecht versiegelt. Im Englischen wird diese dichte Verbindung als »Tight junctions« bezeichnet. Man kann sie sich wie schmale Bänder vorstellen, welche die Zellen umgürten und so den Zellzwischenraum 200-800 Pikometer (0.2-0.8 nm) abdichten. Trotz dieser Abdichtung ist jedoch ein kontrollierter Stoffaustausch möglich, der den Transport gewünschter Moleküle erlaubt, unerwünschter hingegen zu verhindern vermag. Das „Leaky Gut“ kann daher auch als durchlässiger oder permeabler Darm verstanden werden.
Verschiedene Mechanismen können zum Auflösen dieser
Kontaktzonen im Darm beitragen. Dazu gehören u.a. Umweltfaktoren,
Lebensmittelzusätze, allerdings auch verschiedene Arzneimittel (z.B. NSAR,
Antibiotika und PPI) sowie anhaltende, neurogene bzw. pyschovegetative
Stressfaktoren.
In einer nicht unbedingt repräsentativen Untersuchung unseres
Studentenkollektivs im postgradualen Lehrgang MSc „Integrative Medizin“ am
Gesundheits Campus SEU zeigten z.B. 16/20 Teilnehmer (80%) erhöhte
Rückstandsbelastungen (bis zu 300% des Referenzwertes) mit dem
Unkrautvernichtungsmittel Glyphosphat im Urin. Glyphosat wird bekannterweise
auch vor der Ernte auf Nahrungspflanzen (z.B. Getreide) aufgetragen trotz der
Tatsache, dass dieses Mittel von der WHO als Krebserzeigend eingestuft wurde.
Die Regulierungsbehörden in Eurropa kamen jedoch bislang trotz gegenteilig
vorliegender Evidenz zu dem Schluss, dass dies Mittel unschädlich sei.
Inwieweit weite Teile der Bevölkerung also belastetes Grundnahrungsmittel zu
sich nehmen lässt sich nur abschätzen. Sicher ist jedoch, dass viele Nahrungsmittel
den Köper schädigen anstatt zu nutzen. Dies ist in erster Linie auf die industrielle
Verarbeitung und dem Zusatz von Farbstoffen und Konservierungsstoffen zurück zu
führen. Lebensmittel können dabei schnell zu Nahrungsmitteln degradieren wobei
die Inhaltstoffen lebenswichtiger wichtiger Elemente /Spurenelemente/Vitamine) immer
in den Hintergrund treten. Die schnelle
Kaufentscheidung wird heutzutage am Supermarktregal über den Preis oder
Lockangeboten entschieden. Die Folge sind immer neue Hightech-Produkte und
-Produktionsverfahren. Traditionell hergestellte, hochwertige Lebensmittel gibt
es zwar nach wie vor höherpreisig zu kaufen, doch eben nicht zum Niedrigpreis
der Massenware, mit der die Industrie ihre Kundschaft ködert. Kaum hört man in
der Werbung etwas von besonderer Qualität. Der Lockruf geht übe das
Sonderangebot oder die verbilligte Ware. Dabei müsste eigentlich jeder wissen,
dass gutes nicht ganz billig sein kann. Auch nicht Lebensmittel.
In einer weiteren Studie haben wir die bislang umstrittene
Wirkung von Farbstoffen und Konservierungsstoffen auf das Leaky Gut (erhöhte intestinale
Permeabilität) anhand des Parameters EPX im Stuhl (N= 28 Probanden) untersucht.
Die Probanden wurden nach Ihren Reaktionen im
Cellular Allergen Stimulation Test (CAST) gegenüber mindestens
einen der 16 bekannten Allergenzusatzstoffe (Farbstoffe wie z.B: Qunolin,
Azurubin, Patent Blau, und Konservierungsstoffe wie z.B. Sulfite, Benzoat,
Nitrit, Salicylat und Glutamat) in zwei Gruppen untersucht. Die Gruppe A hatte mindestens
eine positive CAST Reaktionen und die Gruppe B hatte keine Reaktion in den
Zusatzstoffen zuvor gezeigt. Die Ergebnisse dieser Studie wurde auf dem
Internationalen Kongress für Lebensmittelchemie und Sicherheit in San Francisco
von uns vorgetragen.
Abbildung 1 untersuchte Allergene (Farbstoffe
und Konservierungsstoffe) im Kollektiv (n= 28).
Abbildung 2 Ergebnis der Untersuchung mit signifikant
erhöhten Biomarkern EPX bei Patienten die eine Zusatzstoffallergie (Immuntyp
IV) nachgewiesen hatten.
In dieser Untersuchung wurde damals eine Inflammativ,
gastrointestinale Immunantwort auf Lebensmittelfarb- und Konservierungsstoffe
nachgewiesen. Damit konnten wir zumindest in einem kleinerem Studienkollektiv
nachweisen, dass Farb- und Konservierungsstoffe schädlich für das
gastrointestinale Immunsystem sein können.
Diese Pilotstudie ist unserer Kenntnis nach die
bislang aber einzige Untersuchung geblieben, die systematisch die Wirkung von
Nahrungsmittelzusätzen immunologisch und anhand von Biomarkern in einem
bestimmten Kollektiv statistisch untersucht hat. An den weit verbreiteten internationalen
Einsatz solcher Zusatzstoffe hat sich bislang nichts geändert. Die Lebensmittelindustrie
produziert weiterhin mit stattlicher Duldung Nahrungsmittel (und eben nicht
Lebensmittel), die sich günstig und einfach herstellen lassen. Gesundheitliche
Bedenken werden dem Verkaufserfolg untergeordnet. Wie viele unerkannt
geschädigte Jugendliche und Erwachsene tatsächlich auf diese
Lebensmittelzusätze nun reagieren, ist bislang nicht abschätzbar.
Umweltbelastungen wirken sich
nachweislich schädlich auf die empfindliche Immunbarriere der Darmschleimhaut
aus. In der Wechselbeziehung zwischen Darmschleimhaut und Darminhalt sind 20 µm
entscheidend.
Dabei handelt es sich um die eine Kontaktzone in der Darmschleimhaut (Tight
junctions). Es handelt sich dabei um die Filterstation die im Darm zwischen
Transparenz und Resorption entscheiden. Solche Post synaptic density (PDZ)
Zonen bestehen aus etwa 80-90 Aminosäuren, die dazu dienen,
Transmembranproteine an das Zytoskelett zu verankern. Die intrazellulären
Domänen können auch mit Nicht-PDZ-bindenden Domänen interagieren, die mit
junctionalen Membranproteinen, dem Aktin-Zytoskelett und
Signalisierungsproteinen interagieren können.
Abbildung: Intestinale Schutzschicht
Quelle : C. Muss Das LEAKY GUT- Eine häufig verkannte
Diagnose. JATROS Infektiologie &
Gastroenterologie-Hepatologie 2019
Folgen des Leaky Guts
Die erhöhte intestinale Permeabilität fördert den
Austausch zwischen dem gastrointestinalen Immunsystem und den Mikrobiota sowie
Endo bzw. Enterotoxinen aus dem Darmlumen. Dies führt an der Darmschleimhaut zu
lokalen sowie im Körper auch zu generellen Entzündungsreaktionen.
Endotoxin-Moleküle werden an ein spezielles Protein im Blutplasma gebunden, dem
LBP (Lipopolysaccharid bindendes Protein). Das LBP transportiert das Endotoxin
in die Leber, wo es durch spezielle Enzyme, die Leber-Phosphatasen, inaktiviert
wird. Aber auch die Blutplättchen, können Endotoxine binden und in Form von
Blutplättchen-Aggregaten (»micro white clots«) in der Mikrozirkulation des
gesamten Körpers, auch im Zentralnervensystem (!) verteilen. Nachfolgend können
sich im gesamten Versorgungsgebiet des Köpers dadurch proinflammatorische Immunaktivierungen
einstellen, die über eine „Silent Inflammation Reaktion“ zunächst symptomlos
verbleiben können. Infolge der ständigen und chronischen symptomarmen
Entzündungsreaktionen stellen sich aber letztendlich gewebespezifische Degeneration
Prozesse ein.
Dieser anfänglich in der Darmschleimhaut stattfindende
vermehrte Endotoxin Transfer zündet also möglicherweise eine Vielzahl von
Symptomen und löst damit klinische Symptome aus die in das Fachgebiet der
Neurologie, der Stoffwechselmedizin (Endokrinologie) und dem Immunsystem
reichen.
Bei Entzündungen durch Interaktionen der Erythrozyten
mit Membran-affinen Bakterien-Spezies
und durch chemische Noxen induzierten Zelldefekten wandern T-Lymphozyten
aus der Blutzirkulation in den enterozytären Zellverband zur in-loco-Abwehr (Freisetzung von
Defensiven und speziellen Antikörper-Strukturen). Dabei exprimieren die
eingewanderten T-Lymphozyten auch Zonulin, ein Enzym mit
Serinproteaseaktivität, welches die tight junctions abbaut und damit den
Eintritt/Durchtritt der T-Lymphozyten durch die dichte einlagige
Enterozytenschicht ermöglicht. Durch diese strukturelle Auflockerung des
enterozytären Zellverbands können letztendlich die Endotoxine („Leichengifte“
aus den Zellmembranen der abgestorbenen Bakterien) im besonderen Maße passiv
dem Konzentrationsgefälle folgend in die interstitiellen Räume des Darms und
letztendlich in die Mikrozirkulation des Darms eindringen. Dort werden die
Endotoxinmoleküle an einem speziellen Protein im Blutplasma gebunden, dem LBP
(Lipopolysaccharid bindendes Protein). Das LBP transportiert das Endotoxin in
die Leber, wo es durch Leber-Phosphatasen inaktiviert wird.
Aber auch die Zellen des Blutes, speziell die
Blutplättchen, können Endotoxine binden und es so in Form von Plättchen
Aggregaten („micro white clots“) in der Mikrozirkulation des gesamten Körpers,
auch im ZNS, verteilen. Bisher waren keine therapeutischen Ansätze vorhanden,
den erhöhten Endotoxin-Transfer aus dem Darm direkt zu antimonisierend.
Tabelle 1:Mögliche Symptome bei Leaky Gut
Der Nachweis des Leaky Guts gelingt am
sensitivsten derzeit über Thrombozyten Zählung im Blut. Es handelt sich um den
sogenannten PANDA Test mit dem in vitro die Reaktion der Thrombozyten auf
Heparin und Citrat abgeschätzt werden kann.
Dieser Test ist zum Nachweis von Permeabilitöätsstörungen im
Magen/Darm-Trakt, speziell bei Patienten mit Leaky Gut Syndrom (LGS) oder
akuten bzw. chronischen Virusinfekten angezeigt. Dabei kommt es zu einer
verstärkten ENDOTOXIN-Translokation aus dem Darminhalt in die Mikrozirkulation
des Intestinums. Damit ist der PANDA der einzige Labortest, die die Ursache des
LGS auch als Bed-Site-Methode quantitativ erfasst und zum Drug Monitoring
während der Therapie geeignet ist.
Der Test wird mittels venösen Bluts in drei kommerziellen Monovetten,
z.B. von Sarstedt GmbH durchgeführt: Aus EDTA-, Heparin- oder
Zitrat-Monovetten werden in einer Transitzeit von max. 30 min kleine Blutbilder erstellt
und die dabei gewonnenen Blutplättchenzahlen einem Vergleich unterzogen:
Sind alle
drei Werte gleich groß (+/- 10 %), dann ist der Darm „gesund“
Ist die
Plättchenzahl im Heparinblut gegenüber der Zahl der Plättchen im EDTA-Blut
deutlich abgefallen, dann liegt ein LGS (akute Form z.B. viralem Infekt) vor.
Ist die
Zahl der Plättchen im Heparinblut und im Zitratblut im Vergleich zum
EDTA-Blut abgefallen, dann ist wegen des LGS auch eine erhöhter Blutplättchen
Umsatz zu diagnostizieren, die jungen Plättchen sind osmotisch instabil,
ursächlich durch die Vorlage von hyperosmolarer Zitratlösung kommt es dann zur Plättchen
Aktivierung und Aggregatbildung.
Der Test ist
extrem einfach und sicher, kostengünstig und eben auch als
„Schnelltest“ einsetzbar und wird von uns daher im klinischen Einsatz
zum Nachweis des Leaky Gut Syndroms genutzt.
Ausblick – wie helfen?
In ersten präklinischen Untersuchungen an
Krankheitsmodellen (z.B. Colitis-Maus oder isolierte Darmschlingen von
Schweinen) konnte eine Reduktion des Zonulins mit speziellen Silikonölen
(Dimeticon) gezeigt werden. Die Internationale Gesellschaft für angewandte
Präventionsmedizin (www.i-gap.org) führt derzeit klinische
Studien zur weiteren Erforschung des Leaky Guts und dessen Behandlung mit
biologischen Wirkstoffen (z.B. Glutamin, Zink, Resveratrol bzw. AHCC) durch.
Weiteren Aufschluss zum Thema Leaky Gut ist auch über das Buch Das Hilft bei
Leaky Gut (siehe unten) erhältlich.
Copy right: Prof.DDr.med.Dr.habil. Claus Muss Alle Rechte obliegen dem Autor. Das vervielfältigen oder verbreiten des Beitrags ist nicht gestattet.