Pflanzliche Nahrungsmittel als Medizin in der Küche

Veröffentlicht am: 12. Februar 2020
Autorin: Sybille Binder, dipl. Ernährungsberaterin FH, dipl. Vitalstofftherapeutin NHK Zürich

„Lasst Eure Nahrungsmittel Eure Heilmittel sein.“ Diese alte Aussage des griechischen Arztes der Antike, Hippokrates, findet in der Wissenschaft immer mehr Anerkennung, nachdem sie schon seit Jahrtausenden in traditionellen Medizinsystemen verankert war und eingesetzt wurde. In der modernen Medizin hat dieses Wissen lange Zeit wenig Beachtung gefunden.

Über Jahrzehnte hat sich die Wissenschaft vor allem mit den Energiewerten der Nahrungsmittel in Form von Kalorien und mit den Makronährstoffen Proteine, Kohlenhydrate und Fette auseinandergesetzt. Das Augenmerk richtete sich auf die optimale Abdeckung von Energieträgern. Ein Zuviel oder Zuwenig wurde mit Krankheiten gleichgesetzt. Über mehrere Jahrzehnte wurde Fett als Ursache für viele Zivilisationskrankheiten genannt, was heute infrage gestellt wird. 
Bei Gemüse und Obst wurden vor allem die Ballaststoffe sowie die Vitamine und Mineralien als wichtig für die Gesundheit erachtet.
Je mehr die Wissenschaft in die Tiefe geht, desto klarer wird, dass die Hauptnährstoffe manchmal als weniger wichtig zu bewerten sind als das Fehlen von Inhaltsstoffen. Gerade angesichts der Komplexität von Entzündungen und Zellschäden sind Inhaltsstoffe sehr bedeutsam.

Sekundäre Inhaltsstoffe sind unterschiedliche chemische Verbindungen ohne Nährwert mit spezifischer Wirkung auf unterschiedliche Stoffwechselprozesse. Sekundäre Inhaltsstoffe werden von der Pflanze häufig als Schutz für sie selber produziert. Die Pflanze schützt sich durch diese Verbindungen vor UV-Strahlen, Viren, Bakterien, schädlichen Pilzen und hat auch Frassgifte entwickelt, damit sie von Tieren nicht verzehrt wird. Wenn Tiere diese fressen, können sie vergiftet werden oder Krankheitsbilder entwickeln.  Dies sind zum Beispiel die Lektine, die nun auch in der Ernährungswissenschaft Bedeutung finden.
Lektinreiche Nahrungsmittel können im Verdauungstrakt zur Verschiebung von Bakterien führen und entzündliche Prozesse im Darm selber oder im Organismus auslösen.

Viele der Inhaltsstoffe sind für Tier und Mensch giftig, da die Pflanze sie zu ihrem eigenen Schutz produziert. Unzählige von ihnen sind jedoch sehr effektiv und gesundheitsfördernd für Mensch und Tier. Bereits 1949 wies der indische Mediziner R. J. Vakil auf die heilende Wirkung von Schlangenwurzel hin; sie wirkt blutdrucksenkend, krampflösend und stimmungsaufhellend. 1967 zeigte Karl-Heinz Kubeczka auf, dass Knoblauch eine blutdruckreduzierende Wirkung hat. Aber es sollte noch viele Jahre dauern, bis pflanzliche Nahrungsmittel in ihrer Komplexität verstanden und ihre therapeutische Wirkung erkannt wurde.

Bislang sind etwa 100 000 verschiedene sekundäre Pflanzenstoffe bekannt, wobei 5000 bis 10 000 in der menschlichen Nahrung vorkommen (Watzl 2008). Erst wenige sind wissenschaftlich erforscht. Es wird davon ausgegangen, dass in den nächsten Jahren verschiedene weitere Stoffe bekannt werden, die therapeutisch nützlich eingesetzt werden können.

Bisher gut erforscht sind zum Beispiel

  • Carotinoide und Flavonoide, welche antioxidative Wirkung haben
  • Phytosterine, Alkaloide, welche antientzündlich und schmerzreduzierend wirken

Noch weniger bekannt ist Psoralen, welches zu den Cumarinen gehört, ein Toxin, das Pflanzen entwickeln, um sich vor schädlicher Strahlung zu schützen. Die Wissenschaft zeigt, dass diese Substanz als photoaktive Chemotherapie zur Behandlung von Psoriasis und Vitiligo eingesetzt werden kann.
Immer mehr finden sekundäre Inhaltsstoffe auch Bedeutung im Bereich der Epigenetik, sie wirken mit bei der Aktivierung oder Blockierung von Genen.

Inhaltsstoffe können aus den Pflanzen isoliert werden und so als Einzelsubstanz eingesetzt werden. Sie wirken jedoch häufig in Verbindung mit anderen Substanzen als Nahrungsmittel effizienter.
So werden individuell eingesetzte Nahrungsmittel zu einem wichtigen Therapeutikum.
Reich an solchen heilbringenden Inhaltsstoffen sind viele Gewürze und Kräuter, bestimmte Früchte und Gemüse.

Nahrung als Medizin und gleichzeitig Genuss, das ist die Kunst, die immer mehr Bedeutung findet.
Kreative einfache Gerichte können grosse therapeutische Wirkung haben.
Dies gilt aber nicht für alle, sondern ist individuell zu betrachten.

Sybille Binder

dipl. Ernährungsberaterin FH, 
dipl. Vitalstofftherapeutin NHK Zürich

UmweltZahnMedizin

Was Mediziner und Zahnärzte in vernetzter Kompetenz bewirken können.

Veröffentlicht am: 14. Januar 2020
Autor: Dr. med. dent. Jens Tartsch, Kilchberg ZH

„Gesund beginnt im Mund…?!“ oder „Was haben meine Zähne mit meiner Gesundheit zu tun..?“

Dass eine Zahnfleischerkrankung (Parodontitis) mit Diabetes zusammenhängen oder sich Leukämie auf der Mundschleimhaut zeigen kann, gehört heute zum medizinischen Allgemeinwissen.

Aber welcher Patient mit entzündlicher Darmerkrankung oder Allergien wird von einem Allgemeinmediziner zur interdisziplinären Abklärung zum Zahnarzt überwiesen?

Was weiss der Zahnarzt über die Gesundheit seines Patienten?

Hat der Zahnarzt Einfluss auf den gesamten Körper?

Die Weiterentwicklung moderner immunologischer Labordiagnostik, neue Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Studien und praktische Erfahrungen weisen auf weit reichende Zusammenhänge zwischen Mundhöhle und systemischen, chronisch entzündlichen Erkrankungen hin, welche nicht zuletzt durch zahnärztliche Massnahmen «getriggert» werden können.

Diesem Thema widmet sich die UmweltZahnMedizin, ein noch junger Teilbereich der Zahnmedizin. Sie beinhaltet eine wissenschaftlich fundierte Diagnostik und Behandlung chronisch kranker Patienten, als auch die Entwicklung individueller, vorbeugender Behandlungskonzepte für Gesunde. Ziel ist es, die immunologischen Einflüsse chronisch entzündlicher Erkrankungen in der Mundhöhle aufzuspüren und damit auch Erkrankungen fernab der Mundhöhle zu lindern oder zu verhindern.

Immerhin ist die Mundhöhle der Ort im Körper, welcher bspw. 24 Stunden pro Tag in direktem Kontakt mit Fremdmaterialien steht. Auch unterschwellige chronische Entzündungen bleiben im Mund häufig jahrelang unentdeckt, da sie meist schmerzfrei sind. Jedoch nehmen sie wie alle anderen chronischen Entzündungen Einfluss auf das Immunsystem und können sich somit auf den gesamten Körper auswirken.

Das Immunsystem agiert auch im Mund

Denn wir haben nur ein einziges Immunsystem, das natürlich auch im Mund agiert. Insbesondere die Mundhöhle ist aufgrund ihrer prädisponierten Lage als „Eintrittspforte“ ein wichtiger Teil des „Ganzen“ und kein ein isoliertes Teilsystem. Folglich kann auch die zahnärztliche Tätigkeit einen Einfluss auf den gesamten Körper haben. Neben dem Bereich der chronischen Entzündungen gilt dies nicht zuletzt auch für die zahnärztlichen Materialien, die im Mund verwendet werden – allen voran die Metalle und Kunststoffe für Füllungen und Zahnersatz. Obwohl alle Materialien hinreichend geprüft, biokompatibel und in zu erwartenden Konzentrationen nicht toxisch sind, zeigen neue Verfahren zur immunologischen Diagnostik, dass Allergien und Materialunverträglichkeiten dennoch eine Relevanz in der Zahnarztpraxis haben. Da jedes Immunsystem anders reagiert, sind sie Teil eines höchst individuellen Geschehens. Bisher fehlten lediglich die Instrumente, um dies auch zuverlässig zu erkennen. So können z.B. Metalle Allergien vom Typ IV und Kunststoffe zusätzlich vom Typ I auslösen, was mit konventionellen dermatologischen Tests nicht immer ausreichend festzustellen ist, über moderne Labordiagnostik jedoch nachweisbar wird.

Das Fass zum Überlaufen bringen

Bei dieser Art von Erkrankungen handelt es sich meist um chronisch entzündliche „Multisystemerkrankungen“, d.h. unterschiedliche Organe und Bereiche des Körpers sind davon betroffen. Entsprechend vielfältig sind die Leit-Symptome solch chronischer „Multisystemerkrankungen“: Die Palette reicht von Erschöpfung, Müdigkeit, Empfindlichkeiten, Muskel- und/oder Gelenkschmerzen bis hin zu Depression, Burnout und/oder chronischen Schmerzerkrankungen. Zu den typischen Erkrankungen zählen folglich vor allem auch Allergien, Autoimmunerkrankungen, chronische Infektionsverläufe sowie chronische Organentzündungen, wie z.B. Multiple Sklerose, Sarkoidose oder chronische Darmentzündungen. Das eigentliche Problem ist dabei vielfach nicht der aktuelle Krankheitsverursacher an sich. Als „der Tropfen zu viel“ kann bereits eine einfache Zahnfüllung oder eine Wurzelbehandlung das „Fass zum Überlaufen“ bringen und zum Verlust der Toleranz des Immunsystems führen.

 „Angst“ oder „Panikmache“ sind auf dem Gebiet der UmweltZahnMedizin fehl am Platze. An erster Stelle stehen seriöse Information und Aufklärung, eine umfassende Diagnostik und die Einbeziehung der individuellen klinischen Situation. Durch eine intensive Zusammenarbeit zwischen Arzt, Zahnarzt und Patient können chronische Multisystemerkrankungen in vielen Fällen erfolgreich behandelt und der Allgemeinzustand des Patienten verbessert werden.

„Gesund beginnt im Mund…“ – aus immunologischer Sicht ein Fakt!

Qualität in der Medizin

Veröffentlicht am: 2. Dezember 2019
Autor: Dr. med. John van Limburg Stirum, Vizepräsident SSAAMP

Es muss einfach mal gesagt werden, eine gute Medizin ist nicht rein wissenschaftliche. Gott sei Dank!

Die Aufgabe der Wissenschaft ist Wissen zu schaffen. Wissen ist aber alles andere als Verstehen. Verständnis bedeutet vernetztes Denken und nicht wie in der Wissenschaft die Reduktion auf Einzelteile. Wer rein wissenschaftlich denkt und handelt – so würde man meinen – handelt korrekt. Was ist aber korrekt? Korrekt ist wahr. Und die Wahrheit hält definitionsgemäss ewig. Wieso ist ein allbekannter Spruch bei den Wissenschaftlern: «Die wissenschaftlichen Aussage von heute ist der Irrtum von morgen»…? Wollen wir unsere Patienten mit dem Irrtum vom morgen behandeln? Als Mediziner, der bald 40 Jahre Medizingeschichte miterlebt hat, kann ich dies nur bestätigen. Wie viele wissenschaftliche Medikamente wurden als «Durchbruch» gefeiert und jetzt…? Vom Markt entfernt worden. Entweder mangels Wirksamkeit oder wegen den vielen und zum Teil tödlichen Nebenwirkungen. Hauptsache: Wissenschaftlich.

Quantität ist messbar und deshalb das einzige «wissenschaftliche». Qualität ist nicht messbar, nicht wissenschaftlich und deshalb in den Medien häufig zitiert als «zweifelhaft», «pseudowissenschaftlich» oder gar «dubiös». Dies ist Missinformation auf höchstem Niveau und aus meiner Sicht unverantwortlich. Wir dürfen uns niemals von solchen Äusserungen leiten lassen und dadurch vom qualitativen Weg in der Medizin abbringen lassen.

Was ist individuelle orthomolekulare Medizin?

Veröffentlicht am: 16. Oktober 2019
Autor: Dr. med. Simon Feldhaus, Präsident SSAAMP

Linus Pauling definierte die orthomolekulare Medizin als Erhaltung einer guten Gesundheit und Behandlung von Krankheiten durch Veränderung der Konzentration von Substanzen im menschlichen Körper, die normalerweise im Körper vorhanden und für die Gesundheit erforderlich sind.

So einfach diese Definition erscheint, so komplexer stellt sich das Umsetzen im Alltag dar. Je nach Indikation muss die Dosierung der verwendeten Substanzen anders gewählt werden: Zur Prävention reicht in der Regel eine geringe Menge der Mikronährstoffe aus, um die Gesundheit zu erhalten. Bei leichten Krankheiten oder Beschwerden werden höhere Dosierungen benötigt, um wieder gesund zu werden. Bei schwersten Krankheiten sind dann hohe Dosierungen vor allem indikationsbezogen einzelner Substanzen notwendig um einen therapeutischen Effekt zu erzielen. Ein gutes Beispiel hierfür sind die deutlich unterschiedlichen Dosierungen von Zink, Selen oder Vitamin D im Bereich Prävention und Behandlung:

 Ein akuter viraler Infekt benötigt beispielsweise kurzfristige Tagesdosierungen von Zink im Bereich 60-90 mg (für 3-4 Tage), während für den präventiven Einsatz 10-20mg ausreichen. Selen in Form von Natrium-Selenit wird im Bereich der Onkologie mit bis zu 500ug täglich eingesetzt, während die präventive Dosierung bei 50ug liegt. Vitamin D kann bei Autoimmunerkrankungen mit 3000 -5000 IE dosiert werden, wohingegen eine präventive Dosierung bei ca 1000 IE liegt.

Somit brauchen unterschiedliche Krankheiten unterschiedliche Mikronährstoffe und unterschiedliche Dosierungen. Zudem ist bei jedem Menschen ein individuelles biochemisches Profil vorhanden, welches zuerst durch eine Labordiagnostik bestimmt werden sollte.

Es gibt zahlreiche Kombinationspräparate auf dem Markt, die nicht zuletzt aufgrund gesetzlicher Bestimmungen für die Therapie von Krankheiten in wesentlichen Bereichen zu niedrig dosiert sind.

Das Therapieprinzip der orthomolekularen Medizin beruht auf der Tatsache, dass der menschliche Körper für ein gesundes, reibungsloses Funktionieren aller Organe eine ausreichende Menge von Vitaminen, Aminosäuren, Mineralstoffen, Spurenelementen und essentiellen Fettsäuren benötigt. Doch genau dieser Zustand ist in der heutigen Zeit nicht mehr selbstverständlich. Dies liegt unter anderem darin begründet, dass unsere Lebensmittel aufgrund von unnatürlichen Anbaubedingungen, Überzüchtung, Transport, Lagerung und Zubereitung nur noch einen Bruchteil der ursprünglich vorhandenen Stoffe enthalten. Aber auch die Ernährungsgewohnheiten tragen zu solchen Mängeln bei, so beschreibt der Ernährungsbericht des BLV die Tatsache, dass eine ausgewogene Ernährung in der Schweiz nicht mehr stattfindet.

Andererseits kommt es beispielsweise durch Interaktionen von Medikamenten mit dem Mikronährstoffhaushalt, Belastungen mit toxischen Metallen, chronischen Stress, Rauchen oder Resorptionsstörungen zu negativen Beeinflussungen der Mikronährstoffkonzentrationen im Körper.

Jeder Mensch ist anders und hat sein eigenes biochemisches Profil, daher macht es Sinn auch die orthomolekulare Behandlung individuell zu gestalten.

Sowohl die Auswahl der verwendeten Mikronährstoffe als auch vor allem die Dosierung derselben muss an diese Situation angepasst werden. Dies kann entweder durch Verwendung von Einzelsubstanzen geschehen oder noch besser durch eine auf individuelle Rezeptur hergestellte Mischung in Form eines Granulates. Hier ist das Burgerstein Microcare System optimal geeignet da es genau diese Individualisierung der Zusammenstellung und der Dosierung erlaubt. Das Expertensystem unterstützt den Verordner und bietet eine Reihe vorbestimmter Rezepturen die dann auf den Einzelfall angepasst werden können. Durch die spezielle Galenik ist sichergestellt, dass keine Interaktionen der verwendeten Mikronährstoffe untereinander auftreten.

Zusammenfassend ist die moderne orthomolekulare Medizin ein auf den individuellen Fall angepasstes Therapiesystem. Idealerweise erfolgt eine Zusammenstellung der notwendigen Mikronährstoffe nach einer Labordiagnostik und anhand der Diagnosen sowie allfällig eingenommener Medikamente.

Somit ist diese Form der orthomolekularen Medizin an Fachleute mit entsprechender Ausbildung gebunden, es gilt auch Interaktionen und andere Auswirkungen der Mikronährstoffe zu beachten.

Abzulehnen ist die langfristige, allenfalls hochdosierte Gabe von Mikronährstoffen ohne Laborkontrolle da hier keine seriösen Aussagen über Wirkungen und Interaktionen gemacht werden können.

Literatur:

Cochrane Database Syst Rev. 2013 Jun 18;6:CD001364. doi: 10.1002/14651858.CD001364.pub4.

Zinc for the common cold

Uwe Gröber, Joachim Schmidt & Klaus Kisters (2018): Important drug-

micronutrient interactions: A selection for clinical practice, Critical Reviews in Food Science and

Nutrition, DOI: 10.1080/10408398.2018.1522613

Bioidentische Hormone

Veröffentlicht am: 26. August 2019
Autorin: Prof. Dr. med. Petra Stute, Stv. Chefärztin und Leitende Ärztin; Abt. für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin; Universitätsklinik für Frauenheilkunde Inselspital Bern

Einleitung

Die Hypothese ist, dass Bioidentische Hormone (BIH) besonders gut wirksam und verträglich seien, da sie identisch mit den vom Körper produzierten Hormonen sind. Ihre Anwendung sei mit keinerlei Risiken verbunden. Wahrheit oder nur gutes Marketing?

Definition Bioidentische Hormone

Unter BIH versteht man aus Pflanzen hergestellte Hormone, die chemisch ähnlich oder strukturell identisch mit den vom menschlichen Körper produzierten Hormonen sind. Die Betonung liegt hierbei auf „strukturell identisch“ und nicht auf der „pflanzlichen“ Quelle, denn viele nicht-bioidentische Hormone (z.B.  Ethinylestradiol, Medroxyprogesteronazetat, Methyltestosteron) werden ebenso aus Pflanzen (Yams, Soja) gewonnen [1]. In die Kategorie der BIH fallen sowohl behördlich (FDA, EMA, Swissmedic etc.) regulierte hormonelle Arzneimittel als auch Hormonpräparate, die basierend auf einer vom Arzt ausgestellten individuellen Rezeptur (engl. compounded preparation) von entsprechenden Apotheken (engl. compounding pharmacy) hergestellt werden. Zu den behördlich regulierten BIH im Kontext der Hormonersatztherapie zählen in der Schweiz z.B. mikronisiertes Progesteron (P), 17beta-Östradiol (E2) und Östriol (E3). Auch BIH müssen synthetisiert werden, d.h. die Wirkung ist nicht zu erzielen, indem man beispielsweise die Pflanzen direkt zu sich nimmt.

Historie

Eine Folge der Women’s Health Initiative war, dass die in der Studie eingesetzten, nicht-bioidentischen Hormone für „schuldig“ an den Negativergebnissen erklärt wurden. Als bessere Alternative wurden BIH propagiert, von denen es zu diesem Zeitpunkt – anders als in Europa – in den USA wenige von der FDA zugelassene Präparate gab. Günstig zeigte sich zudem die Gesetzeslage: Mit dem Argument, dass Hormone auf natürlicher Basis in die Kategorie der Pflanzen/Kräuter (engl. herbs) fallen, werden über die Haut zugeführte Hormone gemäss des Dietary Supplement Health and Education Act (1994) den Nahrungsergänzungspräparaten (engl. supplements) zugeordnet und sind somit von den Auflagen der FDA (Nachweis von Wirksamkeit und Sicherheit) befreit. Diese Befreiung vom Zuständigkeitsbereich der FDA beinhaltet ausserdem, dass z.B. im Beipackzettel keine Kontraindikationen und oder Warnungen („black box warning“) genannt werden müssen. Das ist einer der Gründe für die Propagierung der transdermalen Applikation von BIH. Die Problematik der BIH Therapie liegt also nicht in ihren Inhaltsstoffen, sondern in der individuellen Hormonrezeptur. Da die Hormongemische individuell in Apotheken hergestellt werden, liegen keine Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit vor. Die FDA und die Endocrine Society ordnen daher den Begriff „Bioidentische Hormontherapie“ dem Marketing zu und nicht einer auf wissenschaftlicher Evidenz basierten Therapieform [2].

Bioidentische Hormone – Wirksamkeit und Endometriumsicherheit

Ohne Zweifel ist die Gabe von bioidentischen Östrogenen effektiv in der Therapie von Wechseljahresbeschwerden. Alle von der Swissmedic zugelassenen Östrogenpräparate enthalten bioidentische Östrogene. Kritisch ist die Frage der Endometriumsicherheit bei der Kombination von Östrogen mit P.

Bei Frauen mit intaktem Uterus ist im Rahmen einer systemischen HRT mit Östrogenen die Gabe eines Gestagens zur Endometriumprotektion indiziert [3].

In diesem Kontext ist P in der Schweiz wie folgt zugelassen: Bei Kombination mit einem Östrogen beträgt die Tagesdosis im Allgemeinen 1 Kapsel Utrogestanâ 200 mg vor dem Schlafengehen während 12 bis 14 Tagen des Zyklus. Es stellt sich die Frage, inwiefern vaginal oder transdermal verabreichtes P ebenfalls zur Endometriumprotektion genügt. Während es für die vaginale P Applikation einige Studien zur Endometriumsicherheit i.R. einer systemischen Östrogentherapie gibt (off label use!), konnte bisher für die transdermale P Gabe kein (!) Endometriumschutz gezeigt werden. Eine Kombination von Östrogen mit transdermalem P ist also bei Frauen mit Uterus obsolet! [4]

Fazit für die Praxis

Die Studien- und Zulassungssituation für systemisch wirksame BIH lässt sich wie folgt zusammenfassen (Tabelle 1):

BIH Wirksamkeitsnachweis in RCT Swissmedic Zulassung
Estradiol (oral, transdermal)
Estriol (oral) keine RCT ( ✔ )
Progesteron (oral) nur 1 RCT ( ✔ )
Progesteron (transdermal)
BIH Sicherheitsnachweis in RCT Swissmedic Zulassung
Progesteron (oral)
Progesteron (vaginal) ( ✔ )
Progesteron (transdermal)

Tabelle 1: Wirksamkeit, Sicherheit und Zulassungssituation von BIH. Abkürzungen: BIH = Bioidentische Hormone, RCT = randomisiert-kontrollierte Studie,

Basierend auf Anamnese und Symptomen sollten mögliche Therapieoptionen bei menopausalen Beschwerden dargelegt werden (Alternativ- und Komplementärmedizin, nicht-hormonale Pharmakotherapie, verschiedene Hormonersatztherapien). Wenn eine Frau die Verwendung von systemisch wirksamen Bioidentischen Hormonen wünscht, dann sollte primär ein von der Swissmedic zugelassenes Präparat gewählt werden (orales mikronisiertes Progesteron, orales/transdermales 17beta-Östradiol, orales Östriol). Wenn eine Unverträglichkeit gegenüber zugelassenen Präparaten besteht oder nicht alle Symptome durch von der Swissmedic zugelassene Präparate behandelt werden können, dann kann eine individuelle Rezeptur weiterhelfen. Es muss jedoch dann darauf hingewiesen werden, dass keine Sicherheitsdaten für das individuelle Produkt vorliegen.

Referenzen

[1] M. Cirigliano, Bioidentical hormone therapy: a review of the evidence, J Womens Health (Larchmt) 16(5) (2007) 600-31.

[2] M.S. Rosenthal, The Wiley Protocol: an analysis of ethical issues, Menopause 15(5) (2008) 1014-22.

[3] T.J. de Villiers, A. Pines, N. Panay, M. Gambacciani, D.F. Archer, R.J. Baber, S.R. Davis, A.A. Gompel, V.W. Henderson, R. Langer, R.A. Lobo, G. Plu-Bureau, D.W. Sturdee, S. International Menopause, Updated 2013 International Menopause Society recommendations on menopausal hormone therapy and preventive strategies for midlife health, Climacteric 16(3) (2013) 316-37.

[4] P. Stute, J. Neulen, L. Wildt, The impact of micronized progesterone on the endometrium: a systematic review, Climacteric 19(4) (2016) 316-328.

Darm-Prävention: nur 200-800 Pikometer (0.2-0.8 nm) können im Körper des Menschen entscheidend für das Nerven-, Immun- und Stoffwechselsystem sein

Veröffentlicht am: 5. August 2019
Autor: Prof.DDr.med.Dr.habil. Claus Muss

Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Im Darm sitzt der Tod“. In der Präventionsmedizin formulieren positiver: Im Darm sitzt die Gesundheit oder der Darm ist der wichtigste Ort der integrativen Prävention.

Tatsächlich ist der Verdauungskanal bekannterweise nicht nur mit der Aufnahme lebenswichtiger Nährstoffe betraut, sondern stellt die ganz entscheidende Regulationsfläche des Neven- und Stoffwechsels dar. Nach den Ergebnissen zahlreicher Studien können wir davon ausgehen, dass der Darm die gemeinsame Endstrecke wichtiger Abläufe für die Gesunderhaltung des Körpers darstellt.  Im Darm findet eine enge Wechselbeziehung zwischen In- und Außenwelt statt. Das zahlenmäßig alle Körperzellen des Menschen um ein zehnfaches übertreffende intestinale Mikrobiom im Darm steht mit der Darmschleimhaut in enger Wechselbeziehung und reguliert über zahlreiche Abläufe die Homöostase  im Neuroendokrinum.

Darm-Hirnachse

Um die mögliche Interaktion zwischen dem Mikrobiom und dem Gehirn nachzuweisen, wurde an der medizinischen Fakultät der Universität Kalifornien eine interessante Studie durchgeführt. Hierbei wurde das fäkale Mikrobiom von Studienteilnehmerinnen (N= 40) untersucht und zudem eine funktionelle Magnetresonanztomographie (MRT) des Gehirns durchgeführt. Dies geschah während die Teilnehmerinnen Bilder ansahen, die negative, neutrale oder positive Emotionen auslösen. Das Ergebnis: Die meisten Frauen hatten einen Überschuss der Bacteroides (n = 33) und bei sieben Frauen dominierte dagegen die Gattung Prevotella die Darmflora. Das MRT zeigte zudem bei den Testpersonen Unter­schiede zwischen den beiden Gruppen in der Hippocampus Region (Region für Erinnerungen, Belohnungen und Stress). In der Bacteroides-Gruppe war diese Region größer angelegt als bei den Frauen mit der Prevotella dominanten Darmflora. Zudem wurde im MRT der Bacteroides-Gruppe eine dickere Schicht der grauen Hirnsubstanz im Frontalcortex und in der Inselrinde beobachtet, die für subjektive emotionale Erfahrung und bewusste Gefühle eine entscheidende Rolle spielen. Beeinflusst also die Zusammensetzung der Darmflora unsere Emotionen oder umgekehrt?  (Autoren: Kirsten Tillisch von der David Geffen Publiziert in Psychosomatic Medicine: Journal of Behavioral Medicine). Letztendlich lässt sich dies noch nicht mit Bestimmtheit sagen, aber es liegen inzwischen zahlreiche u.a. auch tierexperimentelle Untersuchungen vor, die auf eine enge Interaktion zwischen Gehirn und Darmflora hinweisen.  So wird u.a. angenommen, dass die intestinale Darmschleimhaut einen erheblichen Einfluss auf die Aufnahme und Bildung des Neurotransmitters Serotonin haben kann. Serotonin wird häufig im Zusammenhang mit dem Glücksgefühl beschrieben.  Mögliche Wechselbeziehung zwischen der intestinalen Darmschleimhaut und dem Serotoninsystem sowie dem Kynurenin-Tryptophan Stoffwechsel sind derzeit Gegenstand der Untersuchungen von Diplomanden am internationalen M.Sc. Lehrgang des Gesundheits Campus.

Darm- Stoffwechsel

Der Einfluss des Mikrobioms auf das Stoffwechselsystem deutete sich bereits in zahlreichen tierexperimentellen Untersuchungen an. So wurde in einer Untersuchung bei Mäusen z.B. ‚Lactobacillus plantarum zugeführt, während eine Kontrollgruppe ohne jegliche Bakterienzufuhr verblieb.  Bereits nach sechs Wochen zeigte sich eine veränderte Körperkomposition der Versuchstiere in der L.  plantarum Gruppe. Ihr Fettanteil sank, ihre Muskelmasse nahm zu. Zusätzlich waren sie in der Lage, länger in einem forcierten Schwimmtest durchzuhalten und hatten darüber hinaus eine höhere Griffkraft. Ein zusätzlicher Bluttest ergab verringerte Werte an Laktat, Ammonium und Kreatinkinase. In Humanstudien konnte dann später auch der Einfluss von Bakterien auf die Resorption wichtiger Aminosäuren zusätzlich nachgewiesen werden.

In weiteren Humanstudien mehren sich in letzter Zeit über das Tiermodel hinaus die Hinweise auf eine Interaktion zwischen Darmgesundheit und Stoffwechsel. Insbesondere   durch Zufuhr von Bacillus Koagulats‘ konnte beispielsweise die Absorbierungsrate, bestimmter wichtiger Aminosäuren wie z.B. Leucin um 23 %, Isoleucin um 20 % ,Valin um 7 %, Glutamin um 116 % deutlich erhöht werden. Sogar bei Eiweiß aus eher schwer verdaulicher pflanzlicher Quelle hatte dieser Keim einen positiven Einfluss zu haben. Obendrein wurde eine signifikante Verbesserung der Regeneration nach dem Training festgestellt, was möglicherweise durch die zusätzlichen Aminosäuren zu erklären ist.

Darm- Immunsystem

Auch das Immunsystem wird bekannterweise entscheidend an der Darmschleimhaut beeinflusst, wobei in erster Linie die Primärantwort an der Darmschleimhaut stimuliert wird. Im Mittelpunkt dieser Aufgabe stehen Immunrezeptormoleküle, die als Mustererkennungsrezeptoren (PRRs) bezeichnet werden. Sie erfassen Pathogen-assoziierte molekulare Muster (PAMPs) verschiedener exponierter Pathogener Strukturen Die Oberflächen Marker Strukturen (TLR-spezifische PAMP) initiieren stromabwärts Signale über den myeloiden Differenzierungsfaktor 88 (MyD88) und über einen alternativen „MyD88-unabhängig“ Weg. Beide Wege führen zur Aktivierung von NF-kB und anderen angeborenen Immunantworten, der Herstellung von Zytokinen und Chemokinen, und schließlich zur Rekrutierung der adaptiven Immun Antwort.

In diesem Sinne kann die Darmschleimhaut zu einem wichtigen immunologischen Phänomen beitragen, dass im englischen „Silent Inflammation“ bezeichnet wird und eine chronisch aktivierte Entzündung beschreibt. Silent inflammation wird bei zahlreichen Immunproblemen (Autoimmunerkrankungen, Neurodegenerative Erkrankungen wie MS. ALS und Morbus Alzheimer) beobachtet und wird auch als Erklärung für die Entstehung multipler Nahrungsmittelallergien und Unverträglichkeiten angesehen.

Wie häufig tritt das Leaky Gut auf?

Hierzu können wir Angaben aus der eignen Praxis gemacht werden. Wir sehen das Leaky gut bis zu 70-80% (!) in unserem Patientenkollektiv.  Auf die Möglichkeit einer zuverlässigen Diagnosestellung dieses wichtigen Problems wird später noch eingegangen.

Pathomechanismus des Leaky Guts- Eigne Überlegungen dazu

Wie kommt es nun zur chronisch Immunaktivierung der Darmschleimhaut? Es handelt sich ja um eine erhöhte Permeabilität an der Darmschleimhaut (Leaky Gut). Im Zentrum der Leaky Gut Forschung stehen die leistenförmigen Kontaktzonen in der Zona occludens die eine Diffusionsbarriere in der Darmschleimhaut darstellen, die den parazellulären Transport von Molekülen über das Epithel kontrolliert. Beim „Leaky Gut“ sind diese Schutzsysteme der Darmschleimhaut in unterschiedlichem Ausmaß beschädigt. Gewährleistet wird die sogenannte intestinale (darmeigene) Barrierefunktion durch eine zusammenhängende Zellschicht, die den Raum zwischen den Epithelzellen mit ihren engen Verbindungen regelrecht versiegelt. Im Englischen wird diese dichte Verbindung als »Tight junctions« bezeichnet. Man kann sie sich wie schmale Bänder vorstellen, welche die Zellen umgürten und so den Zellzwischenraum 200-800 Pikometer (0.2-0.8 nm) abdichten. Trotz dieser Abdichtung ist jedoch ein kontrollierter Stoffaustausch möglich, der den Transport gewünschter Moleküle erlaubt, unerwünschter hingegen zu verhindern vermag.  Das „Leaky Gut“ kann daher auch als durchlässiger oder permeabler Darm verstanden werden.

Verschiedene Mechanismen können zum Auflösen dieser Kontaktzonen im Darm beitragen. Dazu gehören u.a. Umweltfaktoren, Lebensmittelzusätze, allerdings auch verschiedene Arzneimittel (z.B. NSAR, Antibiotika und PPI) sowie anhaltende, neurogene bzw. pyschovegetative Stressfaktoren.

In einer nicht unbedingt repräsentativen Untersuchung unseres Studentenkollektivs im postgradualen Lehrgang MSc „Integrative Medizin“ am Gesundheits Campus SEU zeigten z.B. 16/20 Teilnehmer (80%) erhöhte Rückstandsbelastungen (bis zu 300% des Referenzwertes) mit dem Unkrautvernichtungsmittel Glyphosphat im Urin. Glyphosat wird bekannterweise auch vor der Ernte auf Nahrungspflanzen (z.B. Getreide) aufgetragen trotz der Tatsache, dass dieses Mittel von der WHO als Krebserzeigend eingestuft wurde. Die Regulierungsbehörden in Eurropa kamen jedoch bislang trotz gegenteilig vorliegender Evidenz zu dem Schluss, dass dies Mittel unschädlich sei. Inwieweit weite Teile der Bevölkerung also belastetes Grundnahrungsmittel zu sich nehmen lässt sich nur abschätzen. Sicher ist jedoch, dass viele Nahrungsmittel den Köper schädigen anstatt zu nutzen. Dies ist in erster Linie auf die industrielle Verarbeitung und dem Zusatz von Farbstoffen und Konservierungsstoffen zurück zu führen. Lebensmittel können dabei schnell zu Nahrungsmitteln degradieren wobei die Inhaltstoffen lebenswichtiger wichtiger Elemente /Spurenelemente/Vitamine) immer in den Hintergrund treten.  Die schnelle Kaufentscheidung wird heutzutage am Supermarktregal über den Preis oder Lockangeboten entschieden. Die Folge sind immer neue Hightech-Produkte und -Produktionsverfahren. Traditionell hergestellte, hochwertige Lebensmittel gibt es zwar nach wie vor höherpreisig zu kaufen, doch eben nicht zum Niedrigpreis der Massenware, mit der die Industrie ihre Kundschaft ködert. Kaum hört man in der Werbung etwas von besonderer Qualität. Der Lockruf geht übe das Sonderangebot oder die verbilligte Ware. Dabei müsste eigentlich jeder wissen, dass gutes nicht ganz billig sein kann. Auch nicht Lebensmittel.

In einer weiteren Studie haben wir die bislang umstrittene Wirkung von Farbstoffen und Konservierungsstoffen auf das Leaky Gut (erhöhte intestinale Permeabilität) anhand des Parameters EPX im Stuhl (N= 28 Probanden) untersucht. Die Probanden wurden nach Ihren Reaktionen im  Cellular Allergen Stimulation Test (CAST) gegenüber mindestens einen der 16 bekannten Allergenzusatzstoffe (Farbstoffe wie z.B: Qunolin, Azurubin, Patent Blau, und Konservierungsstoffe wie z.B. Sulfite, Benzoat, Nitrit, Salicylat und Glutamat) in zwei Gruppen untersucht. Die Gruppe A hatte mindestens eine positive CAST Reaktionen und die Gruppe B hatte keine Reaktion in den Zusatzstoffen zuvor gezeigt. Die Ergebnisse dieser Studie wurde auf dem Internationalen Kongress für Lebensmittelchemie und Sicherheit in San Francisco von uns vorgetragen.

Abbildung 1 untersuchte Allergene (Farbstoffe und Konservierungsstoffe) im Kollektiv (n= 28).

Abbildung 2 Ergebnis der Untersuchung mit signifikant erhöhten Biomarkern EPX bei Patienten die eine Zusatzstoffallergie (Immuntyp IV) nachgewiesen hatten.

In dieser Untersuchung wurde damals eine Inflammativ, gastrointestinale Immunantwort auf Lebensmittelfarb- und Konservierungsstoffe nachgewiesen. Damit konnten wir zumindest in einem kleinerem Studienkollektiv nachweisen, dass Farb- und Konservierungsstoffe schädlich für das gastrointestinale Immunsystem sein können. 

Diese Pilotstudie ist unserer Kenntnis nach die bislang aber einzige Untersuchung geblieben, die systematisch die Wirkung von Nahrungsmittelzusätzen immunologisch und anhand von Biomarkern in einem bestimmten Kollektiv statistisch untersucht hat. An den weit verbreiteten internationalen Einsatz solcher Zusatzstoffe hat sich bislang nichts geändert. Die Lebensmittelindustrie produziert weiterhin mit stattlicher Duldung Nahrungsmittel (und eben nicht Lebensmittel), die sich günstig und einfach herstellen lassen. Gesundheitliche Bedenken werden dem Verkaufserfolg untergeordnet. Wie viele unerkannt geschädigte Jugendliche und Erwachsene tatsächlich auf diese Lebensmittelzusätze nun reagieren, ist bislang nicht abschätzbar.

Umweltbelastungen wirken sich nachweislich schädlich auf die empfindliche Immunbarriere der Darmschleimhaut aus. In der Wechselbeziehung zwischen Darmschleimhaut und Darminhalt sind 20 µm entscheidend. Dabei handelt es sich um die eine Kontaktzone in der Darmschleimhaut (Tight junctions). Es handelt sich dabei um die Filterstation die im Darm zwischen Transparenz und Resorption entscheiden. Solche Post synaptic density (PDZ) Zonen bestehen aus etwa 80-90 Aminosäuren, die dazu dienen, Transmembranproteine an das Zytoskelett zu verankern. Die intrazellulären Domänen können auch mit Nicht-PDZ-bindenden Domänen interagieren, die mit junctionalen Membranproteinen, dem Aktin-Zytoskelett und Signalisierungsproteinen interagieren können.

Abbildung: Intestinale Schutzschicht

Quelle : C. Muss Das LEAKY GUT- Eine häufig verkannte Diagnose. JATROS Infektiologie & Gastroenterologie-Hepatologie 2019

Folgen des Leaky Guts

Die erhöhte intestinale Permeabilität fördert den Austausch zwischen dem gastrointestinalen Immunsystem und den Mikrobiota sowie Endo bzw. Enterotoxinen aus dem Darmlumen. Dies führt an der Darmschleimhaut zu lokalen sowie im Körper auch zu generellen Entzündungsreaktionen. Endotoxin-Moleküle werden an ein spezielles Protein im Blutplasma gebunden, dem LBP (Lipopolysaccharid bindendes Protein). Das LBP transportiert das Endotoxin in die Leber, wo es durch spezielle Enzyme, die Leber-Phosphatasen, inaktiviert wird. Aber auch die Blutplättchen, können Endotoxine binden und in Form von Blutplättchen-Aggregaten (»micro white clots«) in der Mikrozirkulation des gesamten Körpers, auch im Zentralnervensystem (!) verteilen. Nachfolgend können sich im gesamten Versorgungsgebiet des Köpers dadurch proinflammatorische Immunaktivierungen einstellen, die über eine „Silent Inflammation Reaktion“ zunächst symptomlos verbleiben können. Infolge der ständigen und chronischen symptomarmen Entzündungsreaktionen stellen sich aber letztendlich gewebespezifische Degeneration Prozesse ein.

Dieser anfänglich in der Darmschleimhaut stattfindende vermehrte Endotoxin Transfer zündet also möglicherweise eine Vielzahl von Symptomen und löst damit klinische Symptome aus die in das Fachgebiet der Neurologie, der Stoffwechselmedizin (Endokrinologie) und dem Immunsystem reichen.

Bei Entzündungen durch Interaktionen der Erythrozyten mit Membran-affinen Bakterien-Spezies  und durch chemische Noxen induzierten Zelldefekten wandern T-Lymphozyten aus der Blutzirkulation in den enterozytären Zellverband  zur in-loco-Abwehr (Freisetzung von Defensiven und speziellen Antikörper-Strukturen). Dabei exprimieren die eingewanderten T-Lymphozyten auch Zonulin, ein Enzym mit Serinproteaseaktivität, welches die tight junctions abbaut und damit den Eintritt/Durchtritt der T-Lymphozyten durch die dichte einlagige Enterozytenschicht ermöglicht. Durch diese strukturelle Auflockerung des enterozytären Zellverbands können letztendlich die Endotoxine („Leichengifte“ aus den Zellmembranen der abgestorbenen Bakterien) im besonderen Maße passiv dem Konzentrationsgefälle folgend in die interstitiellen Räume des Darms und letztendlich in die Mikrozirkulation des Darms eindringen. Dort werden die Endotoxinmoleküle an einem speziellen Protein im Blutplasma gebunden, dem LBP (Lipopolysaccharid bindendes Protein). Das LBP transportiert das Endotoxin in die Leber, wo es durch Leber-Phosphatasen inaktiviert wird.

Aber auch die Zellen des Blutes, speziell die Blutplättchen, können Endotoxine binden und es so in Form von Plättchen Aggregaten („micro white clots“) in der Mikrozirkulation des gesamten Körpers, auch im ZNS, verteilen. Bisher waren keine therapeutischen Ansätze vorhanden, den erhöhten Endotoxin-Transfer aus dem Darm direkt zu antimonisierend. 

Tabelle 1: Mögliche Symptome bei Leaky Gut

Der Nachweis des Leaky Guts gelingt am sensitivsten derzeit über Thrombozyten Zählung im Blut. Es handelt sich um den sogenannten PANDA Test mit dem in vitro die Reaktion der Thrombozyten auf Heparin und Citrat abgeschätzt werden kann.

Dieser Test ist zum Nachweis von Permeabilitöätsstörungen im Magen/Darm-Trakt, speziell bei Patienten mit Leaky Gut Syndrom (LGS) oder akuten bzw. chronischen Virusinfekten angezeigt. Dabei kommt es zu einer verstärkten ENDOTOXIN-Translokation aus dem Darminhalt in die Mikrozirkulation des Intestinums. Damit ist der PANDA der einzige Labortest, die die Ursache des LGS auch als Bed-Site-Methode quantitativ erfasst und zum Drug Monitoring während der Therapie geeignet ist.

Der Test wird mittels venösen Bluts in drei kommerziellen Monovetten, z.B. von Sarstedt GmbH durchgeführt:  Aus EDTA-, Heparin- oder Zitrat-Monovetten werden in einer Transitzeit von max. 30 min kleine Blutbilder erstellt und die dabei gewonnenen Blutplättchenzahlen einem Vergleich unterzogen:

  1. Sind alle drei Werte gleich groß (+/- 10 %), dann ist der Darm „gesund“
  2. Ist die Plättchenzahl im Heparinblut gegenüber der Zahl der Plättchen im EDTA-Blut deutlich abgefallen, dann liegt ein LGS (akute Form z.B. viralem Infekt) vor.
  3. Ist die Zahl der Plättchen im Heparinblut und im Zitratblut im Vergleich zum EDTA-Blut abgefallen, dann ist wegen des LGS auch eine erhöhter Blutplättchen Umsatz zu diagnostizieren, die jungen Plättchen sind osmotisch instabil, ursächlich durch die Vorlage von hyperosmolarer Zitratlösung kommt es dann zur Plättchen Aktivierung und Aggregatbildung.

Der Test ist extrem einfach und sicher, kostengünstig und eben auch als „Schnelltest“ einsetzbar und wird von uns daher im klinischen Einsatz zum Nachweis des Leaky Gut Syndroms genutzt.

Ausblick – wie helfen?

In ersten präklinischen Untersuchungen an Krankheitsmodellen (z.B. Colitis-Maus oder isolierte Darmschlingen von Schweinen) konnte eine Reduktion des Zonulins mit speziellen Silikonölen (Dimeticon) gezeigt werden. Die Internationale Gesellschaft für angewandte Präventionsmedizin (www.i-gap.org) führt derzeit klinische Studien zur weiteren Erforschung des Leaky Guts und dessen Behandlung mit biologischen Wirkstoffen (z.B. Glutamin, Zink, Resveratrol bzw. AHCC) durch. Weiteren Aufschluss zum Thema Leaky Gut ist auch über das Buch Das Hilft bei Leaky Gut (siehe unten) erhältlich.

Copy right: Prof.DDr.med.Dr.habil. Claus Muss
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