SSAAMP-Kongress im Seminarhotel Bocken am 16. Mai 2026
Programm auf der Site www.ssaamp.ch

Veröffentlicht: 4. März 2026
Autor: Dr. med. John van Limburg Stirum
Der Säure-Basen-Haushalt wird im Kontext von Longevity häufig missverstanden. In populären, aber auch semimedizinischen Diskursen dominiert die Vorstellung, Alterung gehe mit einer zunehmenden Übersäuerung des Organismus einher und müsse durch konsequente Alkalisierung kompensiert werden. Diese Sichtweise hält einer physiologischen Betrachtung jedoch nicht stand. Sie verkennt, dass Säuren kein pathologisches Nebenprodukt sind, sondern Ausdruck von Leben, Aktivität und metabolischer Dynamik.
Säuren entstehen dort, wo Energie umgesetzt wird. Jede ATP-Hydrolyse, jede glykolytische Reaktion, jede mitochondriale Oxidation ist mit Protonenfreisetzung gekoppelt. Ein Organismus, der keine Säuren mehr produziert, ist kein gesunder, sondern ein inaktiver. Der physiologische pH-Wert des Blutes wird eng reguliert, nicht um Säuren zu vermeiden, sondern um deren Wirkung präzise zu steuern. Diese Regulation ist Voraussetzung dafür, dass Enzyme arbeiten, Membranpotenziale erhalten bleiben und zelluläre Signalprozesse funktionieren.
Mit zunehmendem Alter verändert sich der Säure-Basen-Haushalt nicht in Richtung Azidose, sondern in Richtung metabolischer Verarmung. Die mitochondriale Leistungsfähigkeit nimmt ab, der ATP-Turnover sinkt, körperliche wie zelluläre Aktivität werden geringer. Damit reduziert sich auch die physiologische Säureproduktion. Was oft als „Entlastung“ interpretiert wird, ist in Wahrheit der Ausdruck nachlassender Stoffwechselaktivität. Der Organismus wird nicht gesünder, sondern ruhiger – und schliesslich träge.
Säuren erfüllen im lebenden System eine zentrale Steuerfunktion. Lokale Azidose fördert die Sauerstoffabgabe im Gewebe, moduliert die Durchblutung und beeinflusst enzymatische Reaktionsgeschwindigkeiten. Diese pH-abhängigen Prozesse sind elementar für Anpassung, Belastbarkeit und Regeneration. Wo keine Säure mehr entsteht, fehlt auch der Reiz zur Anpassung. Alterung ist daher weniger ein Problem überschüssiger Säuren als vielmehr ein Verlust der Fähigkeit, funktionelle Azidose zu erzeugen und zu nutzen.
Der Satz „Der Tod ist alkalisch“ ist in diesem Zusammenhang nicht provokativ, sondern biochemisch korrekt. Mit dem Ende des Lebens kommt die Energieumsetzung zum Stillstand. Es werden keine Protonengradienten mehr aufgebaut, keine oxidative Phosphorylierung findet statt, keine ATP-Hydrolyse setzt Protonen frei. Der pH-Wert steigt, nicht weil der Organismus gesünder wird, sondern weil er aufgehört hat zu arbeiten. Alkalinität ist kein Zeichen von Vitalität, sondern von metabolischer Inaktivität.
Vor diesem Hintergrund erscheint das Konzept der dauerhaften Entsäuerung als therapeutisches Ziel fragwürdig. Eine kontinuierliche externe Alkalisierung kann pH-abhängige Signale abschwächen und adaptive Reize dämpfen. Insbesondere beim alternden Organismus, der ohnehin an metabolischer Dynamik verliert, kann dies die verbleibende Regulationsfähigkeit weiter reduzieren. Nicht die Neutralisation von Säuren ist entscheidend, sondern die Fähigkeit, Säuren bei Bedarf zu erzeugen, sie lokal wirksam werden zu lassen und anschliessend effizient zu regulieren.
Longevity bedeutet aus säure-basen-physiologischer Sicht nicht, den pH-Wert in Richtung Alkalinität zu verschieben, sondern die Fähigkeit zur Regulation zu erhalten. Ein langlebiger Organismus ist nicht basisch, sondern reaktionsfähig. Er kann Säure produzieren, ohne daran zu scheitern, und sie eliminieren, ohne sie zu fürchten. Der Verlust dieser Fähigkeit markiert nicht nur den Beginn funktioneller Alterung, sondern letztlich das Ende biologischer Aktivität.
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Dr. med. John van Limburg Stirum, Vize-Präsident SSAAMP
SSAAMP-Kongress am Samstag 16. Mai 2026
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