Ethik und Ästhetik: Nur eine Frage der Wahrnehmung?

Veröffentlicht am: 22. Mai 2020
Autoren: Dr. med. Zoehre Akdogan

Der bedeutende Philosoph Ludwig Wittgenstein stellte in den Raum, dass Ethik und Ästhetik eins wären. Sind die beiden wirklich stets aufeinander bezogen, wie er uns aufzeigen wollte? Oder ist es eher eine komplexe Beziehung irgendwo zwischen absoluter Abhängigkeit und ziemlicher Eigenständigkeit?

Ästhetik wird heute vorwiegend als Lehre der Schönheit verstanden. Etymologisch stammt das Wort jedoch vom altgriechischen aisthesis, was mit Wahrnehmung oder Empfindung übersetzt wird. Wahrnehmung und Empfindung wovon? Eine Lehre der Wahrnehmung? Die Norm für Schönheit und guten Geschmack? Oder liegt die Schönheit einzig im Auge des Betrachters?

Wir grübeln weiter und finden noch mehr Fragen – weit und breit keine Antworten. Den wahren Freigeist freut es, wenn zum Schluss nur die individuelle Sichtweise zählt. Die Laune des Moments ist ausserdem jederzeit für ein Votum gut. Welche Rollen spielen dabei unsere Herkunft, die Erziehung und unser direktes Umfeld, welche uns prägen?

Ob bewusst oder unbewusst – der Mensch wird hin- und hergerissen zwischen eigenen Ansichten, der Darstellungen anderer sowie der eigenen Ansprüche, Wünsche oder Träume. Wollte man sich sämtlicher Vorbilder und Einflüsse entledigen, müsste einer in die komplette Isolation fliehen. Dass den Meisten von uns gerade der soziale Rückzug sehr zu schaffen macht, wurde in den vergangenen Monaten offensichtlich.

Seit es den Menschen gibt, gibt es Meinungsmacher, die niemals müde werden, zu propagieren, was richtig sein soll. Heute sind es Medien, Werbung, Kunstkritiker und immer wieder Scharlatane, die andere zu beeinflussen sowie zu überzeugen suchen. Wenn nicht des Geldes, dann des schnöden Ego wegen. Aber niemals uneigennützig.

Ethische Werte unterscheiden sich von Kultur zu Kultur. Sie verändern sich auch mit der Zeit. Wenn die Eltern früher den Kopf schüttelten, als sich die Söhne die Haare wachsen liessen, so werden sich die damaligen Teenager heute wundern, wenn Ihr Nachwuchs mit einem Zungenpiercing nach Hause kommt. Sitte und Moral entwickeln sich mit dem Menschen und seiner Umwelt. Aber auch die ethischen Werte werden weltweit von führenden Individuen vorgegeben, vorgelebt, weisgemacht und weitervermittelt. Im guten wie im schlechten Sinne.

Eines erscheint nachvollziehbar: Ohne Toleranz, Rundumsicht und stetiges Hinterfragen kommt kein Mensch weiter. Sturheit ist Stillstand und führt immer zu Konflikten. Konflikte sinnvoll auszutragen, erfordert Grösse. Der Mensch hat seine Grenzen. Eine absolute Wahrheit gibt es wohl nicht. Leider nur eine Menge Leute, die ihre Meinung dafür halten. Eigene Ansichten sind gut. Und über Geschmack lässt sich streiten. Stundenlang. Bis es ungemütlich und verletzend wird.

Ethik und Ästhetik klingt beides wissenschaftlich. Sie sind jedoch weder messbar noch schlüssig erklärbar. Wahrscheinlich hat Wittgenstein damit recht, dass beide gleich von der individuellen Wahrnehmung jedes einzelnen Menschen abhängig sind. Oder eben völlig abstrakt. Bringen wir aber nun die Prägung durch Herkunft, Erziehung und Umfeld ins Spiel, wird es klar, dass wir alle eine Vielzahl von Impulsen mit auf den persönlichen Entscheidungsweg bekommen. Diese wiederum prägen Wahrnehmung und Empfindung.

Im Zeitalter der Social Media Stars, die sich das Beeinflussen zum Beruf gemacht haben, wird die Bombardierung durch Impulse immens. Individualität wird uns plakativ vorgelebt und damit zur allgemeincoolen Norm erhoben. Mangels Selbstwertgefühl, Erfahrung oder besseren Wissens werden viele zu ergebenen Followern. Nachäffen und Mitlaufen sind tief verankert in unserem Wesen – wir sind Primaten.

Keine Frage, eine äusserliche Entstellung – beispielsweise durch einen Unfall – chirurgisch zu korrigieren, ist «ethisch» mehr als vertretbar. Wer würde wohl heute noch einen derartigen Eingriff als blasphemisch oder unschicklich bezeichnen? Die Behandlung ermöglicht den Betroffenen wieder ein menschenwürdiges Leben und den Aufbau eines gesunden Selbstvertrauens.

Wie steht es damit, Körperteile neu Formen zu lassen, manchmal bis weit über die natürlichen Gesetzmässigkeiten hinaus? Verbietet es die sogenannte Ethik, uns selbst mit Vorsatz zu entstellen – respektive entstellen zu lassen? Selbst wenn wir sonst todunglücklich wären, wenn wir es nicht machen dürften? Auch Sinnhaftigkeit ist eine Frage von Wahrnehmung und Ermessen.

Herkunft spielt definitiv eine Rolle. In asiatischen Ländern wie beispielsweise Korea, Japan oder Thailand sind chirurgische Anpassungen von Nasen, Augenliedern, Ohren und anderem seit Jahrzehnten gang und gäbe. Individualität und Toleranz haben in diesen Ländern eine höhere Akzeptanz. Jedenfalls im privaten Bereich. Der persönliche Wunsch eines Menschen wird respektiert. Darin besteht kein Problem, solange für Dritte kein Nachteil entsteht. Spontaneität ist ausserdem die Würze des Lebens.

Zurück zu Ludwig Wittgenstein: Sind Ethik und Ästhetik eins? Dass beide untrennbar miteinander verbunden sind, scheint ausser Frage zu sein. Und dass beide ein Teil des Individuums sind, genauso wenig. Äusserlichkeiten sind der erste Eindruck – sie beeinflussen unsere Haltung und Entscheidungen massgeblich. Dazu wird unsere persönliche Wahrnehmung oder Empfindung laufend von Zeitgeist, Kulturkreis oder sozialem Umfeld geprägt. Hören wir doch auf, zwanghaft und verallgemeinernd zu definieren sowie schubladisieren. Es ist gut, zu reflektieren und evaluieren. Aber nichts geht über den eigenen, gesunden und individuellen Entscheid. Am besten, ohne andere damit beeinflussen zu wollen. Dann machen wir Ethik und Ästhetik zu einem faszinierenden, lebensbejahenden Spielraum.

Der bedeutende Philosoph Ludwig Wittgenstein stellte in den Raum, dass Ethik und Ästhetik eins wären. Sind die beiden wirklich stets aufeinander bezogen, wie er uns aufzeigen wollte? Oder ist es eher eine komplexe Beziehung irgendwo zwischen absoluter Abhängigkeit und ziemlicher Eigenständigkeit?

Ästhetik wird heute vorwiegend als Lehre der Schönheit verstanden. Etymologisch stammt das Wort jedoch vom altgriechischen aisthesis, was mit Wahrnehmung oder Empfindung übersetzt wird. Wahrnehmung und Empfindung wovon? Eine Lehre der Wahrnehmung? Die Norm für Schönheit und guten Geschmack? Oder liegt die Schönheit einzig im Auge des Betrachters?

Wir grübeln weiter und finden noch mehr Fragen – weit und breit keine Antworten. Den wahren Freigeist freut es, wenn zum Schluss nur die individuelle Sichtweise zählt. Die Laune des Moments ist ausserdem jederzeit für ein Votum gut. Welche Rollen spielen dabei unsere Herkunft, die Erziehung und unser direktes Umfeld, welche uns prägen?

Ob bewusst oder unbewusst – der Mensch wird hin- und hergerissen zwischen eigenen Ansichten, der Darstellungen anderer sowie der eigenen Ansprüche, Wünsche oder Träume. Wollte man sich sämtlicher Vorbilder und Einflüsse entledigen, müsste einer in die komplette Isolation fliehen. Dass den Meisten von uns gerade der soziale Rückzug sehr zu schaffen macht, wurde in den vergangenen Monaten offensichtlich.

Seit es den Menschen gibt, gibt es Meinungsmacher, die niemals müde werden, zu propagieren, was richtig sein soll. Heute sind es Medien, Werbung, Kunstkritiker und immer wieder Scharlatane, die andere zu beeinflussen sowie zu überzeugen suchen. Wenn nicht des Geldes, dann des schnöden Ego wegen. Aber niemals uneigennützig.

Ethische Werte unterscheiden sich von Kultur zu Kultur. Sie verändern sich auch mit der Zeit. Wenn die Eltern früher den Kopf schüttelten, als sich die Söhne die Haare wachsen liessen, so werden sich die damaligen Teenager heute wundern, wenn Ihr Nachwuchs mit einem Zungenpiercing nach Hause kommt. Sitte und Moral entwickeln sich mit dem Menschen und seiner Umwelt. Aber auch die ethischen Werte werden weltweit von führenden Individuen vorgegeben, vorgelebt, weisgemacht und weitervermittelt. Im guten wie im schlechten Sinne.

Eines erscheint nachvollziehbar: Ohne Toleranz, Rundumsicht und stetiges Hinterfragen kommt kein Mensch weiter. Sturheit ist Stillstand und führt immer zu Konflikten. Konflikte sinnvoll auszutragen, erfordert Grösse. Der Mensch hat seine Grenzen. Eine absolute Wahrheit gibt es wohl nicht. Leider nur eine Menge Leute, die ihre Meinung dafür halten. Eigene Ansichten sind gut. Und über Geschmack lässt sich streiten. Stundenlang. Bis es ungemütlich und verletzend wird.

Ethik und Ästhetik klingt beides wissenschaftlich. Sie sind jedoch weder messbar noch schlüssig erklärbar. Wahrscheinlich hat Wittgenstein damit recht, dass beide gleich von der individuellen Wahrnehmung jedes einzelnen Menschen abhängig sind. Oder eben völlig abstrakt. Bringen wir aber nun die Prägung durch Herkunft, Erziehung und Umfeld ins Spiel, wird es klar, dass wir alle eine Vielzahl von Impulsen mit auf den persönlichen Entscheidungsweg bekommen. Diese wiederum prägen Wahrnehmung und Empfindung.

Im Zeitalter der Social Media Stars, die sich das Beeinflussen zum Beruf gemacht haben, wird die Bombardierung durch Impulse immens. Individualität wird uns plakativ vorgelebt und damit zur allgemeincoolen Norm erhoben. Mangels Selbstwertgefühl, Erfahrung oder besseren Wissens werden viele zu ergebenen Followern. Nachäffen und Mitlaufen sind tief verankert in unserem Wesen – wir sind Primaten.

Keine Frage, eine äusserliche Entstellung – beispielsweise durch einen Unfall – chirurgisch zu korrigieren, ist «ethisch» mehr als vertretbar. Wer würde wohl heute noch einen derartigen Eingriff als blasphemisch oder unschicklich bezeichnen? Die Behandlung ermöglicht den Betroffenen wieder ein menschenwürdiges Leben und den Aufbau eines gesunden Selbstvertrauens.

Wie steht es damit, Körperteile neu Formen zu lassen, manchmal bis weit über die natürlichen Gesetzmässigkeiten hinaus? Verbietet es die sogenannte Ethik, uns selbst mit Vorsatz zu entstellen – respektive entstellen zu lassen? Selbst wenn wir sonst todunglücklich wären, wenn wir es nicht machen dürften? Auch Sinnhaftigkeit ist eine Frage von Wahrnehmung und Ermessen.

Herkunft spielt definitiv eine Rolle. In asiatischen Ländern wie beispielsweise Korea, Japan oder Thailand sind chirurgische Anpassungen von Nasen, Augenliedern, Ohren und anderem seit Jahrzehnten gang und gäbe. Individualität und Toleranz haben in diesen Ländern eine höhere Akzeptanz. Jedenfalls im privaten Bereich. Der persönliche Wunsch eines Menschen wird respektiert. Darin besteht kein Problem, solange für Dritte kein Nachteil entsteht. Spontaneität ist ausserdem die Würze des Lebens.

Zurück zu Ludwig Wittgenstein: Sind Ethik und Ästhetik eins? Dass beide untrennbar miteinander verbunden sind, scheint ausser Frage zu sein. Und dass beide ein Teil des Individuums sind, genauso wenig. Äusserlichkeiten sind der erste Eindruck – sie beeinflussen unsere Haltung und Entscheidungen massgeblich. Dazu wird unsere persönliche Wahrnehmung oder Empfindung laufend von Zeitgeist, Kulturkreis oder sozialem Umfeld geprägt. Hören wir doch auf, zwanghaft und verallgemeinernd zu definieren sowie schubladisieren. Es ist gut, zu reflektieren und evaluieren. Aber nichts geht über den eigenen, gesunden und individuellen Entscheid. Am besten, ohne andere damit beeinflussen zu wollen. Dann machen wir Ethik und Ästhetik zu einem faszinierenden, lebensbejahenden Spielraum.

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