
Veröffentlicht am: 30. Januar 2025
Autor: Dr. med. Simon Feldhaus
Der Volksmund kennt das Sprichwort „die Gesundheit des Menschen liegt im Darme verborgen“. Und schon Paracelsus sagte: „Der Tod sitzt im Darm“.
Der Dünndarm wie der Dickdarm werden von über 400 verschiedenen Bakterienstämmen besiedelt, wobei die mikrobielle Besiedlung der einzelnen Abschnitte im Gastrointestinaltrakt sehr unterschiedlich ist.
Magen und Zwölffingerdarm sind noch relativ keimarm. Im Dünndarm nimmt die Artenvielfalt und die Zahl der Mikroorganismen ständig zu, wobei anaerobe Florabestandteile immer stärker in den Vordergrund treten. Im Dickdarm schließlich werden die höchsten Bakterienkonzentrationen erreicht. Gut ein Drittel der gesamten Stuhlmasse besteht aus abgestoßenen Darmbakterien.
Ein Ausblick auf den Fachkongress „Longevity» am 17.5.25
Zwischen den Darmbakterien und dem Mensch besteht eine Gemeinschaft mit gegenseitigem Nutzen (Symbiose).
Unverdauliche Nahrungsbestandteile wie Pflanzenfasern werden von den Darmbakterien aufgeschlossen und verwertet. Die Abbauprodukte fördern das Wachstum der Mikroorganismen und dienen ihnen zur Energiegewinnung. Aber auch der Mensch profitiert von ihren Fähigkeiten: Die beim bakteriellen Abbau von Kohlenhydraten im Dickdarm entstehenden kurzkettigen Fettsäuren (z.B. Buttersäure) dienen dem Schleimhautepithel des Dickdarms als Energiequelle. Auch beteiligen sich die Darmbakterien bei der Entsorgung von Fremd- und Schadstoffen. Die im Dickdarm entstehenden Endprodukte des bakteriellen Stoffwechsels wie Gase (Schwefelwasserstoff, Wasserstoff, Methan) oder andere nicht weiter verwertbare Reste werden mit dem Stuhl ausgeschieden.
Weiterhin wird die Peristaltik des Darmes durch ihre vielfältigen Stoffwechselaktivitäten gefördert, was für eine raschere Entsorgung des Darminhaltes sorgt und so eine Obstipation verhindert.
Probiotische Massnahmen führten in Studien zu einer Reduktion des Stresshormons Cortison und zu einer vermehrten Aktivität der GABA-Rezeptoren im ZNS. Darmbakterien modulieren die Neurotransmitteraktivität, so dass faszinierende Möglichkeiten entstehen, mit mikrobiell basierten Strategien stressassoziierte, psychiatrische Störungen wie Ängstlichkeit und Depression zu beeinflussen.
Allerdings kann diese Beeinflussung auch vom Gehirn in Richtung Darmflora verlaufen. Chronischer Stress führt zu einer Reduktion vor allem der Lactobazillen und zur Freisetzung von Histamin im Darm. Dies kann zu ausgeprägten Verdauungsstörungen wie Blähungen, Durchfall und Bauchschmerzen führen.
Etwa 80 Prozent des zellulären Immunsystems des Körpers befinden sich als Peyer’sche Plaques unter der Darmschleimhaut. Zudem werden hier täglich 12 bis 14 Gramm spezifische Eiweisse wie beispielsweise die Immunglobuline produziert.
Die Immunantwort wird durch die Bildung verschiedener pro- und antientzündlicher Botenstoffe koordiniert.
Letztendlich fungieren die Darmbakterien als lebenslanger Trainings- und Kommunikationspartner für das Immunsystem.
Dieser ständige Informationsaustausch lehrt die immunkompetenten Zellen, zwischen unerwünschten Eindringlingen und den körpereigenen nützlichen Bakterien zu unterscheiden, sodass Fremdkeime rasch eliminiert werden können, während gegenüber den eigenen Bakterien eine immunologische Toleranz entsteht. Somit werden überschiessende immunologische Reaktionen, die den Organismus überfordern könnten, verhindert.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Darm, um all seine Aufgaben korrekt ausführen zu können, notwendigerweise braucht:
• eine intakte bakterielle Besiedelung des Darmes (intestinale Mikroflora)
• eine ausreichende Bildung von Mucosaschleim und sekretorischem Immungloblin A (sIgA) sowie
• eine unversehrte intestinale Epithelzellschicht.
Die praktische Konsequenz dieser Erkenntnisse liegt nun darin generell eine hohe Diversität im Darm zu erhalten und zu fördern. Dafür sollte bei der Ernährung grundsätzlich auf eine vielseitige und an verschiedenen Ballaststoffen reiche Kost geachtet werden.
Die Anwendung von Antibiotika muss auf das geringstmögliche Maß beschränkt werden und begleitend zu jeder nicht vermeidbaren antibiotischen Intervention sollten gezielte Maßnahmen zur Schadensbegrenzung betrieben werden.
Therapeutische Konsequenzen bestehen dann darin, die Störungen im Milieu sowie bei der Zusammensetzung der Darmflora zu korrigieren.
Präbiotika und probiotische Bakterienstämme nach den Bedürfnissen des Patienten individuell zu kombinieren ist die neueste Version der Mikrobiomtherapie. Die Auswahl der Komponenten beruht auf dem Beschwerdebild, Befunden von Mikrobiom und ergänzenden Parametern sowie Angaben von Alter und Körpergewicht. Aufgrund der vorhandenen Daten erfolgt ein Abgleich mit vorhandenen Studien. Ermittelt wird so eine Mischung aus Präbiotika und probiotischen Stämmen in einer optimalen Dosierung, die für die individuelle Fragestellung eines Patienten am besten geeignet sind.
Wer seinen Darm und die darin lebenden Bakterien gesund erhält, schafft die besten Voraussetzungen auch den Körper und die Seele gesund zu erhalten.
Am Kongress der SSAAMP im Mai 2025 werden wir ein Topic auf dieses Thema setzen.

Der Fachkongress „Longevity» am 17.5.25
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