SSAAMP-Kongress im Seminarhotel Bocken am 16. Mai 2026
Programm auf der Site www.ssaamp.ch

Veröffentlicht: 14. Januar 2026
Autor: Dr. med. Simon Feldhaus, Präsident SSAAMP
Der Volksmund kennt das Sprichwort „die Gesundheit des Menschen liegt im Darme verborgen“. Und schon Paracelsus sagte: „Der Tod sitzt im Darm“.
Der Hintergrund dieser Aussagen besteht darin, dass der Darm ein raffiniertes Wunderwerk der Natur ist:
Er verdaut nicht nur Nahrung, sondern hat auch grossen Einfluss auf unglaubliche viele Körperfunktionen.
Daher ist er im wahrsten Sinne des Wortes ein Kraftort: Mit seiner Funktion steht und fällt unser gesamtes Körpersystem und das Wohlbefinden. Auch unsere Immunabwehr, die Neigung zu Allergien oder Unverträglichkeiten, Aussehen und Körpergewicht, ja selbst unsere Gemütslage werden massgeblich von ihm beeinflusst.
In seiner Anatomie und Funktionsfähigkeit ist das Verdauungssystem alles andere als ein banales Schlauchsystem, sondern vielmehr ein hochkomplex vernetztes und erstaunlich multifunktionell arbeitendes Organ.
Bei einem erwachsenen Menschen wird durch Auffaltung der Darmmukosa in Falten, Zotten und Schleimhaut-Ausstülpungen eine Gesamtoberfläche von 250–350 m2 erreicht.
Damit stellt er eine riesige Kontaktfläche zwischen Organismus und Umwelt dar und ein Wunderwerk maximaler Effektivität.
Milliarden Zellen sind auf dieser gewaltigen Fläche damit befasst, in der Nahrung Nährstoffe mithilfe von Enzymen in ihre chemischen Bestandteile zu zerlegen und an den Organismus weiterzugeben.
Der Dünndarm wie der Dickdarm werden von über 400 verschiedenen Bakterienstämmen besiedelt, wobei die mikrobielle Besiedlung der einzelnen Abschnitte im Gastrointestinaltrakt sehr unterschiedlich ist.
Magen und Zwölffingerdarm sind relativ keimarm. Im Dünndarm nimmt die Artenvielfalt und die Zahl der Mikroorganismen ständig zu, wobei anaerobe Florabestandteile immer stärker in den Vordergrund treten. Im Dickdarm schließlich werden die höchsten Bakterienkonzentrationen erreicht.
Beim Neugeborenen ist die Darmoberfläche praktisch steril. Erst bei der Geburt (ausgenommen Kaiserschnitt) und später beim Stillen kommt es zum ersten Kontakt mit Bifidobakterien und Laktobazillen. Diese breiten sich dann auf der Darmschleimhaut aus und bilden eine wichtige Grundlage für die Gesundheit und Entwicklung
Die Welt der Mikroben im Dickdarm scheint für jeden Menschen unterschiedlich zu sein. Dennoch gibt es einen gemeinsamen Nenner: das Core-Mikrobiom. Dieses Kerngerüst an Bakterien ist dafür verantwortlich, dass die Enzyme der Bakterien die Bestandteile in der Nahrung knacken, die der Mensch alleine nicht verdauen könnte. Dazu zählen die komplexen pflanzlichen Kohlenhydrate, die ohne Bakterien ungenutzt ausgeschieden würden. Außerdem gibt es bestimmte Vitamine, die der Mensch nicht selbst bilden kann. Auch hier helfen Bakterien bei der Gewinnung dieser Vitamine oder Vorstufen davon.
Neben diesem Core-Mikrobiom gibt es eine Vielfalt von Bakterien, die den Menschen individuell verdauen lassen
Die physiologische Darmflora stellt eine mikrobielle Barriere für die Ansiedlung und Vermehrung pathogener Erreger dar und verhindert ein überschiessendes Wachstum von oft anzutreffenden pathogenen Keimen wie Helicobacter, Campylobacter, Clostridien oder Candida. Diese Eigenschaft wird als Kolonisationsresistenz bezeichnet und beruht auf dem Besetzen von Schleimhautrezeptoren, einer Freisetzung bakteriostatischer Substanzen (Lysolezithin, Bakteriozine) und einer Konkurrenz um Nährstoffe, Vitamine oder Wachstumsfaktoren.
Zwischen den Darmbakterien und dem Wirt besteht eine Gemeinschaft mit gegenseitigem Nutzen (Symbiose).
Unverdauliche Nahrungsbestandteile wie Pflanzenfasern werden von den Darmbakterien aufgeschlossen und verwertet. Die Abbauprodukte dieser Prozesse fördern das Wachstum der Mikroorganismen und dienen ihnen zur Energiegewinnung. Aber auch der Wirt profitiert von ihren Fähigkeiten: Die beim bakteriellen Abbau von Kohlenhydraten im Dickdarm entstehenden kurzkettigen Fettsäuren (z.B. Buttersäure) dienen dem Schleimhautepithel des Dickdarms als Energiequelle. Auch beteiligen sich die Darmbakterien bei der Entsorgung von Fremd- und Schadstoffen. Die im Dickdarm entstehenden Endprodukte des bakteriellen Stoffwechsels wie Gase (Schwefelwasserstoff, Wasserstoff, Methan) oder andere nicht weiter verwertbare Reste werden mit dem Stuhl ausgeschieden.
Diese Metaboliten kommen immer mehr ins Zentrum des wissenschaftlichen Interesses da wahrscheinlich viel mehr vernetzte Wirkung über diese Metaboliten geschieht als über die Bakterien direkt.
Die Moderne Labordiagnostik (Mikrobolom!) hilft uns dabei das nun auch messbar prüfen zu können.
Neue Entwicklungen in der DNA-Sequenzierung von Bakterien haben zu vertieften Erkenntnissen und erweiterten Theorien zur Rolle der Mikrobiota (= Gesamtheit der Mikroorganismen) in der menschlichen Gesundheit geführt
Etwa 80 Prozent des zellulären lmmunsystems des Körpers befinden sich in den Lymphknoten unter der Darmschleimhaut. Zudem werden hier täglich 12 bis 14 Gramm spezifische Eiweisse wie beispielsweise die Immunglobuline produziert.
Die Immunantwort wird dann durch die Bildung verschiedener pro- und antientzündlicher Mediatoren (Zytokine) koordiniert.
Letztendlich fungieren die Darmbakterien als lebenslanger Trainings- und Kommunikationspartner für das darmassoziierte Immunsystem.
Durch den ständigen Informationsaustausch lernen die immunkompetenten Zellen, zwischen
unerwünschten Eindringlingen und den körpereigenen nützlichen Bakterien zu unterscheiden, sodass Fremdkeime rasch eliminiert werden können. Somit werden überschiessende immunologische Reaktionen, die den Organismus überfordern könnten, verhindert.
Auch hier sind neue diagnostische methoden wie die Zytokinbestimmung im STUHL auf dem Markt, die uns viel mehr Einblick in diese Vernetzungen gestatten.
Die Diversität, also die Artenvielfalt des individuellen Mikrobioms, zeigt sich zunehmend als wesentlicher Faktor für die Gesundheit.
In Mikrobiom-Vergleichsstudien zwischen Probanden aus der westlichen Welt und naturnäher lebenden Gruppen (Burkina Faso bzw. Jäger und Sammler aus Peru) zeigten Letztere eine deutlich höhere Diversität und eine stärkere Bildung kurzkettiger Fettsäuren (SCFA). Dies ist einhergehend mit einem verminderten Auftreten (potentiell) pathogener Keime im Darm.
Grundsätzlich gibt es verschiedene Optionen, um therapeutisch einzugreifen.
Doch wo sich bei der Diagnostik sehr viel getan hat, steht die Therapie dazu im Kontrast: Hier hat sich wenig weiterentwickelt – trotz vieler wissenschaftlicher Arbeiten. Nach wie vor nutzen wir Pro- und Präbiotika, sowie Produkte aus abgetöteten Bakterien. Im Kern beruht das auf zwar bewährten Gedankenmodellen und Konzepten, aber es ist eigentlich klar, dass ein nächster Entwicklungsschritt überfällig ist.
Zentral muss man fragen:
Wie können wir die Darmbakterien besser schützen und ein Milieu schaffen, in der sie besonders leistungsfähig sind?
Denn nur so können wir das Wechselspiel zwischen Mensch und Mikrobe optimal gestalten und von den Synergien, die immer in uns schlummern, maximal profitieren.
Aus diesen Fakten heraus entstand ein neues Therapiekozept: das Orthobiotikum
Ein Orthobiotikum verfolgt denselben Ansatz der orthomolekularen Medizin – jedoch gezielt auf die Darmbakterien ausgerichtet. Es versorgt die Mikrobiota mit Schutzstoffen gegen oxidativen Stress, mit zentralen Substanzen für den Energiestoffwechsel sowie mit Vitaminen, die auch für die Bakterien essenziell sind. Zusätzlich sind auch pflanzliche Polyphenole enthalten.
Moderne Diagnostik in Kombination mit innovativen und indikationsspezifischen Probiotika bieten somit völlig neue Therapieoptionen für diverse Krankheiten oder Beschwerden und zeigen welche Kraft wirklich im Darm steckt.
Und über all diese bahnbrechenden Neuigkeiten erfahren Sie mehr an unserem Jahreskongress 2026.
Wie immer: SSAAMP first to know !!
Dr. med. Simon Feldhaus, Präsident SSAAMP
Quellen:
- Arnau Vich Vila et al., Gut microbiota composition and functional changes in inflammatory bowel disease and irritable bowel syndrome. In: Science Translational Medicine, Online-Veröffentlichung vom 19.12.2019, doi: 10.1126/scitranslmed.aap8914.
- Simpson HL, Campbell BJ Review article: dietary fibre– microbiota interactions Alimentary Pharmacology & Therapeutics, pages 158-179, 24 MAY 2015
- Giloteaux L, Goodrich JK, Walters WA, Levine SM, Ley RE, HansonMR Reduced diversity and altered composition of the gut microbiome in individuals with myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome. Microbiome. 2016 Jun 23;4(1):30. doi: 10.1186/s40168-016-0171-4
SSAAMP-Kongress am Samstag 16. Mai 2026
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